|
|
|
Editorial PT 1-2
Erneuerbare Stromerzeugung und Versorgungssicherheit
Der Ausbau der erneuerbaren Energien seit dem Inkrafttreten des EEG im Jahr 2000 und die dadurch ausgelöste Energiewende haben nicht nur die deutsche, sondern auch die europäische Stromversorgung nachhaltig geprägt. Dieser Ausbau bildet den Rahmen für die zukünftige Entwicklung unserer gesamten Erzeugungsstruktur - sowohl technisch als auch politisch.
Dabei besteht die Herausforderung darin, den Industriestandort Deutschland zu stützen und unseren Unternehmen eine wettbewerbsfähige, umweltfreundliche und von gleichbleibend hoher Zuverlässigkeit geprägte Energieversorgung zu gewährleisten. Die Ablösung der bisher geltenden Bereitstellung von Strom durch Grund-, Mittel- und Spitzenlastkraftwerke durch eine zunehmend schwankende Leistungsbereitstellung der wesentlichen erneuerbaren Erzeugungsarten Wind und Sonne stellt daher hohe Anforderungen an die Erzeugung und die Netze. Inwieweit wir es schaffen, unser System zu transformieren, wird wesentlich für den Erfolg der Energiewende sein. Die erneuerbaren Energien wachsen in einer Geschwindigkeit, die dazu anhält, die Funktionsweise des Systems und die künftige Ausgestaltung der Energieversorgung neu zu überdenken.
Für alle nicht erneuerbaren Erzeugungsarten besteht die Forderung, eine gegenüber heute höhere Flexibilität vorzuweisen - Flexibilität für die kurzfristige Deckung der Residuallast, nämlich den verbleibenden Anteil zwischen gesicherter Leistung aus konventionellen Anlagen und disponibler Erzeugung aus erneuerbaren Energien. Da Windkraft und Fotovoltaik maßgeblich den Lastverlauf bestimmen, treten bereits heute Maximalwerte von mehr als 40 Gigawatt an Leistungsschwankungen innerhalb weniger Stunden auf. Und dieser Anteil der erneuerbaren Energien wird in den nächsten Jahren noch zunehmen - aller Diskussionen um die Zukunft des EEG zum Trotz. Es handelt sich also um eine Größenordnung, die an manchen Jahrestagen - zumindest zu gewissen Stunden - der in Deutschland fast im Gesamten geforderten Leistung im Netz entspricht. Derzeit manifestiert sich der politische Wille zum Ausbau der erneuerbaren Energien nach wie vor im bestehenden Energieeinspeisegesetz (EEG). Da EEG-Strom vorrangig in das Netz eingespeist werden darf, unabhängig davon, welcher Bedarf im System vorhanden ist und auch losgelöst vom Marktpreis vergütet wird, ist die „restliche“ Erzeugung diejenige, die den Ausgleich und eine hohe Flexibilität sicherstellen muss. Aufgrund der stetigen Zunahme des „EEG“-Anteils an der Stromproduktion wird die durch konventionelle Kraftwerke zu erbringende Arbeit immer geringer. Der Markt für konventionelle Kraftwerke wird demnach enger. Das beeinflusst ihre Wirtschaftlichkeit. Der wirtschaftliche Betrieb der Anlagen reduziert sich zunehmend auf Jahresstunden, wenn weder der Wind weht, noch die Sonne scheint. Aber genau hier erwartet das System eine flexible konventionelle Erzeugung, die als kostengünstiges Back-up-System genutzt werden kann.
Die Folgen: Ein Neubau konventioneller Kraftwerke, zum Beispiel neuer Kohle- oder GuD-Kraftwerke rechnet sich nur noch an besonders ausgewählten Standorten. Und der Betrieb älterer Erzeugungsanlagen steht aufgrund mangelnder Auslastung zur Disposition. Rein marktwirtschaftlich gesehen ist eine Abschaltung kurz- und mittelfristig unausweichlich. Doch da die gewachsene und in kurzer Zeit nicht ausreichend erweiterbare oder transformierbare Netztopologie zur Aufrechterhaltung von Netzstabilität und Netzqualität auf ausreichende Kapazität angewiesen ist, hat eine mögliche Abschaltung, neben der wirtschaftlichen Komponente, auch zunehmend einen an Bedeutung gewinnenden Aspekt in der Versorgungssicherheit. Entspannung könnten die sich bereits in Bau befindlichen Kohlekraftwerke liefern. Doch auch diese werden nur eine Zwischenlösung für die Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit sein. Denn die Altersstruktur des deutschen Kraftwerksparks und auch die beschlossenen weiteren Stilllegungen im Nuklearbereich werden die Versorgungssicherheit mittelfristig weiter belasten.
Was hilft? Neben dem Ausbau der Netze sind vor allem Investitionen in Erzeugungsanlagen und Speichertechnologien erforderlich. Aber sowohl für Investitionen in moderne Gaskraftwerke als auch für den Bau von Pumpspeicherkraftwerken gilt, dass die Wirtschaftlichkeit der Investitionsentscheidungen gegeben sein muss. Derzeit bietet das Marktdesign keine ausreichenden Signale für eine Investitionsentscheidung - sowohl die niedrigen Einsatzzeiten als auch die niedrigen Marktpreise bieten keine ausreichende Rentabilität. Langfristig werden wir uns deshalb über das Marktdesign Gedanken machen müssen. Schon heute gibt es eine rege Diskussion darüber, ob z.B. Kapazitätsanreize zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit notwendig sein werden. Ich mahne zur Sorgfalt: Inwieweit Kapazitätsmärkte in der Lage sind, langfristig ohne die Schaffung neuer Subventionstatbestände für den Kraftwerksbau Anreize zu generieren, muss sorgfältig untersucht und diskutiert werden. Doch wir haben die Zeit für diese Diskussion - unter einer Voraussetzung: Es muss gelingen, den bestehenden konventionellen Kraftwerkspark zumindest in dieser Dekade zu erhalten. Das wird nicht ohne Anpassungen gehen, die dafür Sorge tragen, dass wirtschaftlich unrentable Kraftwerke technisch zum Erhalt der Versorgungssicherheit zur Verfügung stehen - allerdings ohne dabei den Markt zu stören und zu Wettbewerbsverzerrungen beizutragen. Der an Energiefragen geneigte Leser weiß, worauf ich hinaus will: Wir brauchen eine sog. „Strategische Reserve“ aus bestehender Kraftwerksleistung, die vielleicht unrentabel ist, aber durchaus in der Lage, uns die Zeit zu verschaffen, um über die Ausgestaltung unseres Marktdesigns nicht nur in Deutschland, sondern auch zusammen mit unseren europäischen Nachbarn und Partnern nachzudenken.
So viel sollte uns die Energiewende in jedem Fall wert sein. |
|
Autor |
Dr.-Ing. Werner Götz,
EnBW Kraftwerke AG,
Stuttgart/Deutschland Vorstand Technik Konventionell
|
Mitglieder-Login |
|
|
|