03/2013

Hat die Kraftwerkschemie eine Zukunft?

Zur Vorbereitung dieses Editorials habe ich die Artikel einiger meiner Vorautoren der vergangenen Jahre gelesen. Der Grund­tenor lag auf der unbestreitbaren Notwendigkeit und dem Nutzen der Kraftwerkschemie für den Kraftwerksbetrieb. Gleichzeitig wurden neue Verfahren wie die CO2-Abscheidung angesprochen, die eine neue Herausforderung für die Kraftwerkschemie darstellen sollten.

Doch auf welche Realitäten blicken wir heute? Die Energie­erzeugungswirtschaft muss einschneidende Veränderungen hinnehmen. Zuerst ist hier sicher der Kernenergieausstieg zu nennen. Aber auch der rasante Zuwachs der hoch subventionierten erneuerbaren Energien hat die Energiewirtschaft, besonders in Deutschland, fundamental verändert. Diese Entwicklung konnte sicher so niemand vorher sehen. Die Folgen sind aber für alle Bereiche der Energiewirtschaft spürbar. Sie führen leider häufig zu Personalabbau und rigorosen Sparprogrammen.

Manche Energieversorger in Europa stellen die Notwendigkeit einer Chemie in den Kraftwerken infrage oder schaffen durch Schließung ihrer kraftwerkseigenen Laboratorien gleich vollendete Tatsachen. Aber auch die Energieerzeuger, die die Notwendigkeit der Chemie im Kraftwerk nicht infrage stellen, sind durch die wirtschaftlichen Zwänge zu einer Reduktion des Personals in ihren Kraftwerken und bei zentralen Ingenieureinheiten gezwungen. Hier stellt sich die Frage, wie man in Zukunft den chemischen Sachverstand überhaupt vorhalten kann. Die Chemie im Kraftwerk ist in schwere See geraten und sie gelangt an vielen Standorten an Grenzen, wo eine Funktionsfähigkeit kaum noch sichergestellt werden kann. Reserven sind schon lange nicht mehr vorhanden. Ist die Lage der Chemie im Kraftwerk deshalb hoffnungslos? Ich habe dieser Tage den Satz gelesen: „Wer bis zum Hals im Wasser steht, der darf den Kopf nicht hängen lassen.“

Einige sehen die Zukunft im „Man in the Van“: kleinen, mobilen Labors, die ihr Equipment in einem  Transporter zu den Kraftwerken fahren und im wöchentlichen Turnus chemische Dienstleistungen anbieten. Oder sollen chemische Dienstleistungen komplett an Großanbieter der analytischen Chemie vergeben werden und wer beurteilt dann die Ergebnisse? Ist es möglich, ein Kraftwerk zu betreiben, in dem die chemischen Prozesse nur noch vollautomatisch online überwacht werden? Auch ich kann den Weg hier nicht vorhersagen. Es kann durchaus sein, dass für einige Kraftwerke die Zukunft der Chemie in den oben genannten Lösungen liegt.

Ich schöpfe meine Hoffnung für den Weiterbestand der Kraftwerkschemie aber aus anderen Betrachtungen. Reduziert man die Chemie im Kraftwerk auf ihre wichtigsten Aufgaben, so erkennt man schnell ihren größten Nutzen: Sie hilft, große existenzielle Risiken im Kraftwerksbetrieb deutlich zu minimieren.

Diese umfassen alle Risiken verfahrenstechnischer, rechtlicher und finanzieller Art sowie die Arbeitssicherheit und die Verwertbarkeit von Nebenprodukten. Außerdem stellt die Kraftwerks­chemie bei auftretenden Störungen eine kurze Reaktionszeit bis zur fachlichen Mithilfe sicher. Dies kann durch externe Kräfte so nicht gewährleistet werden. Betreiber stellen oft erst nach Großschäden fest, dass eine eigene Kraftwerkschemie einen Nutzen hat. Längst überwunden geglaubte Betriebsstörungen treten in letzter Zeit wieder dort häufiger auf, wo das Wissen um die chemischen Zusammenhänge fehlt.

Somit steht für mich fest, dass ohne eine chemische Kernkompetenz im Kraftwerk, deren Erkenntnisse durch die Kraftwerksleitung akzeptiert werden, ein sicherer und kostengünstiger Betrieb nicht möglich ist. Die Chemie verfügt über fundiertes Wissen über viele Prozesse im Kraftwerk, sie nimmt häufig Querschnittsfunktion und die notwendige unabhängige Überwachungsfunktion des Betreibers wahr.

Was werden die Kernaufgaben der Chemie im Kraftwerk sein?

Dazu möchte ich zunächst feststellen: Welche andere Abteilung im Kraftwerk hat noch solche vielfältigen Aufgabenbereiche?

Zuerst sind hier die verfahrenstechnischen Betreuungen der Wasseraufbereitung, des Wasser-Dampfkreislaufs, der Rauchgasreinigungsanlagen und der Abwasserbehandlung zu nennen. Weitere Aufgaben  sind die Bewertung von Brennstoffen, die Qualitätsbewertung der Reststoffe, das Abfallmanagement, die vielfältigen Aufgaben im Umweltschutz und die Untersuchung von Einsatz- und Schmierstoffen. Eine vollständige Aufzählung würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

Inzwischen haben auch Chemiker und Chemikerinnen die Leitung eines Kraftwerks übernommen. Das „analytische“ Verständnis war und ist dabei sicher hilfreich. Auch der „Blick über den Tellerrand“, die Neugier an vielen, auch fachfremden, Sachverhalten macht den Chemiker zu einem wichtigen Teil der Kraftwerksorganisation. Viele Energieerzeuger haben die Notwendigkeit der Chemie im Kraftwerk erkannt und die Chemie fest in der Organisation verankert. Sie besitzt dort einen wichtigen Stellenwert. Wer allerdings glaubt, eine zuverlässige Chemie im Kraftwerk gäbe es zum Billigtarif, der liegt meiner Meinung nach falsch.

Nur wenn die Chemie im Kraftwerk ein reizvolles, vielseitiges und anspruchsvolles Arbeitsgebiet bleibt und die Chancen für einen Aufstieg in der Hierarchie gegeben sind, wird es gelingen, junge, engagierte Chemiker und Chemikerinnen nach dem Abschluss ihres Studiums in die Kraftwerkschemie zu locken.

Wenn es der Kraftwerkschemie gelingt, ihre großartigen Leistungen im Kraftwerksbetrieb herauszustellen, wenn sie mit Mut, Kompetenz und Zuverlässigkeit auftritt, dann wird sie meiner Meinung nach auch in diesen schwierigen Zeiten eine Zukunft haben?