Editorial - VGB PowerTech Journal 10/2014

Klimaschutz und Konventionelle Kraftwerke: Kein Widerspruch Konventionelle Kraftwerke unterstützen die Energiewende

Die Energiewende schreitet voran – in Deutschland und in Europa. Ein Blick auf Europa verrät: In nahezu allen europäischen Ländern werden die Erneuerbaren Energien gefördert. Die Maßnahmen reichen dabei von Zertifikate-Regelungen (Belgien, Dänemark) über Einspeisetarife (Deutschland, Österreich), Investitionskostenzuschüsse (Niederlande) und Bieterverfahren (Frankreich, Portugal) bis hin zu Kombinationen aus Zertifikaten und Einspeisetarifen (Großbritannien und Italien).

Deutschland hat sich dabei wohl die ehrgeizigsten Ziele für den Ausbau der Erneuerbaren vorgelegt: 80% Anteil Erneuerbarer an der Stromproduktion im Jahr 2050. Durch die durch das EEG garantierten Einspeisetarife insbesondere für Photovoltaik- und Windanlagen sieht sich Deutschland dabei auf einem guten Weg. Bereits heute beträgt in Deutschland die installierte Kapazität an Photovoltaik 37 GW, hinzu kommen 36 GW an Windkapazität. Der Anteil der Erneuerbaren an der Stromerzeugung erreichte damit im ersten Halbjahr über 28%.

Der Anteil der Erneuerbaren Energien an der Stromproduktion in Deutschland und in Europa wird weiter ansteigen. Mit dem weiter fortschreitenden Ausbau offenbart sich jedoch mehr und mehr das größte Manko der Erneuerbaren: Ihre Verfügbarkeit liegt nicht in unserer Hand. Während Wind- und Photovoltaik-Einspeisung in Deutschland zu Spitzenzeiten schon heute manchmal mehr als 60% des Bedarfs abdecken, sind sie zu anderen Zeiten fast ganz von der Bildfläche verschwunden.

Doch auch an Tagen mit geringer Photovoltaik- und Windenergieeinspeisung muss die Versorgungssicherheit mittel- bis langfristig gesichert sein. Stromspeicher werden dabei absehbar nur einen geringen Beitrag leisten. Ein Verlass auf Stromimporte scheint angesichts der unsicheren energiepolitischen Situation sehr gewagt, zumal die Nachbarstaaten einen ähnlichen Weg wie Deutschland gehen wollen und Kraftwerksreserven für die eigene Versorgungssicherheit benötigen. Somit wird eines ganz deutlich: Auch der Energiemarkt der Zukunft braucht heimische konventionelle Kraftwerkskapazität in erheblichem Umfang.

Die Rolle der konventionellen Kraftwerke wird sich dabei jedoch deutlich ändern. Die Marktsegmente Grund-, Mittel- und Spitzenlast lösen sich auf. In Zukunft werden die konventionellen Kraftwerke -neben der Grundversorgung – mehr und mehr dazu da sein, auch und gerade dann zuverlässig Strom zu liefern, wenn Strom aus Erneuerbaren wetter- und tageszeitbedingt nicht zu Verfügung steht. Dafür ist es wichtig, dass der Weg, die konventionellen Kraftwerke zu flexibilisieren, weiter konsequent beschritten wird: Von Laständerungsgeschwindigkeit über Kaltstartverhalten bis hin zur Mindestlast wurden hier in der Vergangenheit bereits deutliche Erfolge erzielt.

Klimaschutz und der Betrieb konventioneller Kohle- und Gaskraftwerke stehen dabei nicht im Widerspruch. Ein hoher Anteil Erneuerbarer Energien kann vor allem in Deutschland mit dem bestehenden Beschluss zum Ausstieg aus der Kernenergie nur durch einen flexiblen fossil-gefeuerten Kraftwerkspark realisiert werden, der als Partner der Erneuerbaren die Versorgung zu jeder Zeit sicherstellt. Darüber hinaus sind Möglichkeiten vorhanden, konventionelle Kraftwerke noch klimafreundlicher machen: Wirkungsgradsteigerungen sowie Carbon Capture and Storage (CCS). CCS ist eine Option für den Klimaschutz, die offen gehalten und weiter erforscht werden sollte. Die überaus positiven Erfahrungen aus unserer CO2-Wäsche-Pilotanlage der letzten Jahre, die wir zusammen mit BASF und Linde entwickelt haben, geben uns dabei recht. CCS kann neben den Erneuerbaren langfristig einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der CO2-Emissionen leisten.

Auf dem Weg zu einem langfristigen Miteinander zwischen Erneuerbaren Energien und konventionellen Kraftwerken gibt es jedoch noch eine große Herausforderung zu lösen: Obwohl ein Markt mit einem hohen Anteil Erneuerbarer dringend auf konventionelle Back-up-Kapazität angewiesen ist, werden der Betrieb und die Vorhaltung konventioneller Kraftwerke im heute existierenden Energy-only-Markt aufgrund der abnehmenden Auslastung und der massiv gesunkenen Großhandelspreise zunehmend unrentabler. Die Auswirkungen sind dabei schon heute spürbar. Gaskraftwerke, die in der Presse häufig als die ideale Ergänzung zu Erneuerbaren propagiert werden, sind heute vor allem im Sommer kaum noch im Einsatz und werden daher von den Betreibern vorübergehend eingemottet oder ganz stillgelegt. Vor dem Hintergrund des bestehenden Marktsystems gehen zudem die wirtschaftlichen Anreize für die Betreiber verloren, in neue konventionelle Kraftwerke zu investieren. Dieses ist nicht zuletzt wegen der fortschreitenden Überalterung des europäischen Kraftwerksparks sehr kritisch zu beurteilen.

Um die konventionellen Kraftwerke als Partner der Erneuerbaren langfristig im Markt zu halten, auch und vor allem unter Beachtung der langen Planungs- und Bauzeiten neuer Anlagen, ist daher dieEntwicklung von neuen Marktanreizsystemen dringend geboten. Andere Länder in Europa sind Deutschland dabei bereits einen Schritt voraus. In Deutschland befindet sich die Diskussion über die Einführung von Kapazitätsmechanismen, mit denen die Vorhaltung gesicherter Leistung vergütet wird, noch am Anfang. Die Etablierung des vom BDEW und VKU entwickelten Modells eines Dezentralen Leistungsmarktes wäre der richtige Weg zu einer kundenorientierten marktwirtschaftlichen Lösung. Der Strommarkt würde dabei um einen Markt für gesicherte Leistung ergänzt, der die Bereitstellung der für Versorgungssicherheit benötigten Kraftwerkskapazität sichert, ohne Überkapazitäten zu finanzieren.

Nur so kann es auf Dauer gelingen, die Erneuerbaren auszubauen, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden.