Editorial - VGB PowerTech Journal 10/2015

Veränderungen und Chancen für die Kraftwerksindustrie

Der Markt für die Hersteller von kohlegefeuerten Kraftwerksanlagen hat sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt: Waren bislang die deutschen und westeuropäischen Betreiber stabile Eckpfeiler für den Auftragseingang bei Neubau und Instandhaltung, treten diese heute praktisch kaum noch am Markt auf. Aufträge vergeben die Stromversorger in Osteuropa, auf dem Balkan oder der Türkei. Hier können wir als Hersteller von der in Deutschland entwickelten Spitzentechnologie profitieren, etwa was Wirkungsgrad, Verfügbarkeit oder Emissionen betrifft. Die im Heimatmarkt entwickelte fortgeschrittene Technologie wird ein Exportprodukt, ein in vielen Branchen üblicher Weg der Entwicklung. Auch in praktisch allen asiatischen Ländern gibt es einen ungebremsten Neubau von Erzeugungskapazitäten.

In Deutschland und Westeuropa hingegen prägt ein Überangebot an konventionellen Kraftwerksanlagen das Bild. Der Anteil der Stromerzeugung aus konventionellen Anlagen schrumpft kontinuierlich. Dieser Entwicklung wird sich mit dem weiteren Ausbau der Stromerzeugung aus staatlichen geförderten alternativen Stromerzeugungsanlagen weiter fortsetzen.

Genügt der heutige Kraftwerkspark den Ansprüchen, den die politisch gewollte Wende zu alternativen Formen der Stromerzeugung definiert? Grundsätzlich nein. Denn die heute vorhandenen Anlagen wurde alle unter der gleichen Prämisse gebaut: Volllast als Normalzustand, und das über viele tausend Stunden im Jahr. Genau für diese Anforderungen wurden die Anlagen vom Betreiber und vom Hersteller ausgeschrieben, ausgelegt und optimiert. Der Weg vom kalten Zustand in den 100 Prozent Betrieb war eher uninteressant für alle Beteiligten, ebenso die Mindestlast ohne Zusatzbrennstoffe.

Die Realität für die Betreiber der konventionellen Anlagen sieht heute schon anders aus. Die Anforderungen ändern sich massiv. Die Anlagen sehen oder werden keine tausende Volllaststunden pro Jahr mehr sehen, diese werden eher die Ausnahme sein. Die neuen Maximen werden möglichst geringe Minimallasten ohne teure Zusatzbrennstoffe oder ein möglichst effizienter Betrieb der Anlagen bei nur 30 oder 50 Prozent der Kapazität sein. Denn in diesem Bereich spielt in Zukunft die Melodie des Markts. Die Senkung der Erzeugungskosten im Teillastbereich ist die wesentliche Vorgabe für ein am Markt wirtschaftlich erfolgreiches Kraftwerk. Eine möglichst flach abfallende Wirkungsgradkurve ist das Ziel, und nicht eine Kurve, die den absoluten Spitzenwert des technisch machbaren abbildet, erkauft mit dem Preis einer steil abfallenden Wirkungsgradkurve bei Teillasten.

Wir Anlagenhersteller können das realisieren. Zielführend ist es dann, die Gesamtanlage zu beurteilen und nicht nur einzelne Komponenten wie den Dampferzeuger, die Turbine oder die Rauchgasreinigung zu betrachten. Bisher sehen wir am Markt eher Anfragen zu speziellen Fragestellungen, die direkt im Zusammenhang mit der ursprünglich herstellerseitig gelieferten Komponente stehen. Das sollte sich ändern zugunsten einer funktionalen Anfrage: Was möchte der Betreiber mit seinem Kraftwerk eigentlich erreichen?

Auch wenn die Anlagen in der Vergangenheit von den Betreibern häufig in einzelnen Losen – deren Anzahl sich in den letzten Jahrzehnten allerdings kontinuierlich und dramatisch reduzierte – vergeben wurden, bauten die Anlagenhersteller umfassende Kompetenz für schlüsselfertige Komplettanlagen auf. Die Vergabe von schlüsselfertigen Anlagen in Osteuropa oder der Türkei ist heute der Regelfall, umfassendes Know-how über das Zusammenspiel der Einzelkomponenten und die entsprechenden Wechselwirkungen liegt breit gefächert vor.

Das ist die Grundlage, auf der wir heute das Betriebsverhalten der Gesamtanlage optimieren und verbessern können. Zugeschnitten auf die heutigen und zukünftigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die durch den weiteren Zubau von alternativen Stromerzeugungsanlagen vorgegeben sind. Die modernisierte konventionelle Gesamtanlage, die sich am besten der Stromerzeugung aus alternativen Anlagen anpasst, wird in Westeuropa als Gewinner im Markt bestehen. Und das eröffnet den Anlagenherstellern auch den Export dieser im Heimatmarkt entwickelten technisch anspruchsvollen Lösungen. Denn auch in den Ländern, in denen wir derzeit noch Grundlastkraftwerke errichten, wird die Stromerzeugung durch alternative Anlagen zunehmen.

Leider sind heute marktwirtschaftliche Spielregeln bei der Strom­erzeugung zumindest in Deutschland völlig in den Hintergrund geraten. Wenn die Kraftwerksbetreiber in Zukunft einen Preis für ihr Produkt erhalten, der nicht allein durch die Vorrangeinspeisung und gesetzlich garantierte Einspeisevergütungen definiert ist, sondern auch Themen wie Netzstabilität oder bedarfsgerechte Lieferung berücksichtigt, kann sich die Modernisierung von Bestandsanlagen für alle Beteiligten lohnen. Dann kann dies auch als Erfolg versprechendes Modell für andere Länder dienen.