Editorial - VGB PowerTech Journal 11/2014

Ist eine Kohlenstaubfeuerung heute noch modern?

Bei einer der letzten Familienfeiern war nach den üblichen Themen Urlaub und Krankheit irgendwann das Thema Arbeit dran. „Was machst Du eigentlich momentan beruflich“, wurde ich gefragt. „Wir bauen gerade im Kraftwerk Jänschwalde die Anfahr- und Stützfeuerung von Heizöl auf Trockenbraunkohlestaub um“, war meine Antwort.

Dann kamen die üblichen Sprüche. Kohlestaubfeuerung ist doch nichts Neues, es werden doch überall Windparks und Photovoltaikanlagen gebaut. Wer braucht denn da noch die alten Kohlekraftwerke?
Ja, wer braucht unsere Kohlekraftwerke noch? Wenn ich den Medien und einem Teil der Bevölkerung folge, sind Kohlekraftwerke in wenigen Jahren verschwunden.

Nun sehe ich das grundsätzlich nicht so und nicht nur, weil ich ein optimistischer Mensch bin. Meinem Bekannten habe ich als erstes auf die einfachen physikalischen Zusammenhänge hingewiesen, dass ohne Wind und Sonne auch die Stromproduktion dieser Anlagen 0,00 MW ist, auch dann, wenn die installierte Leistung dieser Anlagen in den nächsten Jahren noch verdreifacht wird. Nunkönnte ja ein riesiger Stromspeicher helfen, der in Überschusszeiträumen den Strom speichert. Das ist auf jeden Fall ein Lösungsansatz. Für die gigantische benötigte Speicherkapazität ist die Lösung genau so weit in der Ferne, wie ein funktionsfähiges Kernfusionskraftwerk (vielleicht im Jahr 2114?).

Ich verschließe mich natürlich nicht grundsätzlich den Gegebenheiten. Wenn die Primärenergieträger Sonne und Wind verfügbar sind, sollten sie auch genutzt werden, um unsere begrenzten Ressourcen bei den fossilen Energieträgern zu schonen. Bei gleichbleibendem weltweiten Verbrauch würde Braunkohle übrigens noch ca. 5.000 Jahre reichen.

Wenn man ein bisschen im Internet surft, findet man auch recht gute statistische Daten. Da wurden zum Beispiel die Sonnenstunden der deutschen Bundesländer im Jahr 2013 ermittelt. Diese betrugen je nach Bundesland zwischen 1.360 h und 1.690 h:
Ähnliche Daten gibt es auch für Windkraftanlagen. So betrug die durchschnittliche Volllaststundenzahl der letzten zehn Jahre etwa 1.500 h:

Die Einsatzstunden werden sicher noch zunehmen, insbesondere dann, wenn mehr Offshore-Anlagen ihren Betrieb aufgenommen haben.

Da ein normales Jahr 8.760 h hat, ist die Frage, wer den Strom in der überwiegenden Zeit des Jahres erzeugt? Meiner Meinung nach der Betreiber, der sowohl Versorgungssicherheit, Erzeugungskosten und Umwelteinflüsse am besten managet.

Zurück zu dem Gespräch mit meinem Bekannten. Ich erzählte ihm etwas über die Geschichte des Kraftwerkes Jänschwalde. Es wurde zwischen 1976 bis 1988 in Betrieb genommen und Mitte der 1990 Jahre ertüchtigt und mit Rauchgasentschwefelungsanlagen ausgerüstet. Bis zum Jahr 2010 wurde es vorrangig im Grundlastbetrieb gefahren. Das heißt, bis auf Lasteinsenkungen am Wochenende oder in manchen Nächten immer Nennlast.

Heute, wo die Netzeinspeisung nicht mehr nach Lieferverträgen und günstigsten Anbieter geregelt wird, sondern Photovoltaik- und Windstrom immer einspeisen sollen, werden alle anderen Kraftwerke außer Betrieb genommen oder in der Leistung herabgesetzt. Damit das auch an den älteren Braunkohledampferzeugern im Kraftwerk Jänschwalde gemacht werden kann, soll über eine neue Stützfeuerung, auf Braunkohlestaub basierend, die Minimallast deutlich abgesenkt werden. Mit der Stützfeuerung wird auch der Dampferzeuger angefahren.

Mit der Lösung kann von importiertem Heizöl auf eigen erzeugten preiswerten Braukohlestaub umgestellt werden. Der Staub wird übrigens mit einem neuartigen Zündsystem auf Plasmabasis gezündet. Die Tests dazu wurden in der Vattenfall-Oxyfuel-Forschungsanlage durchgeführt.

Das Gespräch habe ich dann schwärmend beendet, in dem ich noch von unserer VGB-Fachtagung „Brennstofftechnik und Feuerungen“ berichtete, wo viele Themen, wie die der Kohlelagerung, -aufbereitung, -trocknung und -verbrennung, alle zwei Jahre in Kassel behandelt werden.

Aus meiner Sicht ist Kohlenstaubfeuerung heute noch modern und spannend, vielleicht auch deswegen, weil in unseren Genen die Lagerfeueratmosphäre der Steinzeit fest eingebunden ist.