Editorial - VGB PowerTech Journal 11/2015

Umweltschutztechnik – Der Schlüssel zur Gesellschaftlichen Akzeptanz der Fossilen Stromerzeugung

Seit Beginn der Industriegesellschaft sind Versorgungssicher­heit und Preiswürdigkeit die Leitplanken, an denen sich die Energietechniker bei der Entwicklung neuer Techniken zur Er­zeugung von Kraft, Strom und Wärme auszurichten haben. Je nach Anwendungsfall waren Verbrennungskraftmaschinen bzw. fossil befeuerte Dampfkessel mit nachgeschalteter Dampfturbine Basis der Technologieentwicklung. In Deutschland brachte der Wunsch nach einem „blauen Himmel über der Ruhr“ und folgend mit der Großfeuerungs-Anlagen-Verordnung ehrgeizige Grenz­werte für Schadstoffe wie NOx, SO2, CO und Staub. Ende der 1990er Jahre ist das Thema der Klimaerwärmung und damit die generelle Infragestellung fossiler Stromerzeugung auf die Agenda gekommen.

Die Erzeugung von Strom und Wärme wird auch in Zukunft in unserer modernen Gesellschaft unzweifelhaft notwendig sein. Bis 2050 soll nach Plänen der Bundesregierung die Strom­erzeugung in Deutschland auf 80 % erneuerbare Energien um­gestellt werden; damit ist die fossile Stromerzeugung nur noch eine Übergangstechnologie. Da wir jedoch mit den vorhandenen Technologien bis dahin leben müssen, sind sie möglichst umwelt­verträglich zu gestalten. Ziele für die saubere Umwelt sind u.a. in der momentan diskutierten Fortschreibung der Richtlinie über nationale Emissionshöchstmengen abzulesen, die nationale Be­grenzungsziele für Schadstoffe bis zum Jahr 2030 vorgibt. Aus­gehend vom heutigen Standard liegen diese Ziele für Deutschland bei nur noch 30 % bis 50 % der heutigen Emissionsmengen.

Insgesamt werden Klima- und Umweltschutz heute von der EU getrieben. In den BVT-Merkblättern hat die EU-Kommission den Stand der Technik definieren lassen. Wie realistisch diese Werte auch immer sein mögen und unter welchen politischen Zwängen sie zustande gekommen sind, hat sich der Techniker zu dem Zeit­punkt, wo alles entschieden scheint, nicht mehr zu fragen. Er ist viel­mehr gefordert, Lösungen zu finden, die einen vollumfänglichen Schutz von Boden, Wasser, Luft und Klima, aber auch Aspekte des Arbeitsschutzes bei Betrieb und Instandhaltung erfüllen. Dabei ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar, ob die zu findenden Lösungen auch unter wirtschaftlichen bzw. Versorgungssicherheitsaspekten akzeptabel sein werden. Insbesondere die Industrie und mit ihr die nationalen Volkswirtschaften sind in einer globalisierten Wirtschaft auf wettbewerbsfähige Energiepreise angewiesen. Die Devise bei der Verwirklichung von weiteren Umweltschutz­maßnahmen kann daher nicht lauten „Technik um jeden Preis“, sondern muss eine Technik mit Kosten-Nutzen-Abschätzung unter der Beachtung von möglichen Cross-Media-Effekten, also der Ver­schiebung von Emissionen in andere Umweltkompartimente, sein. Der Energietechniker ist gefordert, den Politikern diese Komplexi­tät des Problems und die Konsequenzen ihrer Umwelt- und Klima­schutzpolitik frühzeitig aufzeigen.

Alle aktuellen Anforderungen werden zurzeit von Kohlekraftwer­ken erfüllt. Da ihr Betrieb im Vergleich jedoch die höchsten Um­weltbelastungen mit sich bringt, stehen sie besonders im Fokus. Insbesondere die Minderung von Quecksilber aus Kohlekraftwerken wird momentan breit diskutiert. Eine simple Übertragung der Techniken aus den USA ist noch zu dis­kutieren, da dort die Priorität auf den Luftpfad gelegt wird, was in einer Verschlechterung der erzeugten Nebenprodukte resultieren kann. Hier gilt es also die Techniken intensiv zu prüfen.

Dagegen präsentieren den Stand des Machbaren bei den Umwelttechniken einige Beiträge dieser Ausgabe mit Nachrüstungsmaßnahmen bei Kraftwerken innerhalb und außerhalb der EU zur Verbesserung von SO2- und NOx-Abscheidung. Aber auch das Thema CO2-Ab­scheidung, um das es in letzter Zeit etwas ruhiger geworden ist, wird in einem Beitrag behandelt. Andere Autoren beschäftigen sich mit dem Nutzen der Computational Fluid Dynamics (CFD) bei der Biomasseverbrennung. Der Einsatz von Gewebefiltern, die in einem Beitrag behandelt werden, stellt eine schon seit Langem bekannte Technologie dar, die sich bei großen Kohleblöcken in der EU jedoch bisher nicht durchsetzen konnte. Weitere Autoren er­örtern die Verfügbarkeit von Energierohstoffen, insbesondere die der Braunkohle, die bis auf Weiteres für eine bezahlbare Energie­versorgung unverzichtbar scheint. Auch KWK-Anlagen gehören in dieses Umfeld, da sie eine ressourcenschonende Bereitstellung von Strom und Wärme bieten.

An dieser Zusammenstellung ist zu erkennen, dass die Thematik insgesamt sehr komplex ist und für die beteiligten Techniker spannende und herausfordernde Aufgaben stellt. Es macht wiederum auch Spaß, sich mit der Thematik zu beschäftigen und sich zu engagieren. Letztlich müssen Lösungen gefunden werden, die gesellschaftlich akzeptiert werden – und auch dieser „Ziel­konflikt zwischen ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Aspekten“ wird in einem Beitrag behandelt.