Editorial - VGB PowerTech Journal 11/2017

Chance Digitalisierung

Die Neuausrichtung der Energiewirtschaft ist eine der großen Herausforderungen des neuen Jahrtausends. Sie umfasst dabei gleich zwei zentrale Komponenten: Die mit „Energiewende“ bezeichneten neuen Strukturen in der Energieversorgung – sie ist weltweit, in den einzelnen Ländern deutlich unterschiedlich ausgeprägt zwischen den Extremen 100 % Erneuerbare und Business-as-usual-Strategien, die die konventionelle Erzeugung mehr oder minder bevorzugen. Die zweite Komponente betrifft die Digitalisierung, gerne auch mit „Industrie 4.0“ bezeichnet. Sie betrifft unabhängig von der Ausgestaltung der Ziele alle Arten der Stromerzeugung und letztendlich auch den Verbraucher, denn mit ein Faktor ist die digitale Koppelung von Erzeugung und Verbrauch. Die Dimension dieses Vorhabens erscheint gewaltig. Aufseiten der Erzeugung gilt es – exemplarisch für Deutschland –, rund 1,5 Millionen vor allem dezentrale und regenerative Erzeugungsanlagen mit ihrer schwankenden und nicht planbaren Einspeisung mithilfe digitaler Systeme in eine hochmoderne Infrastruktur einzubinden. Aufseiten der Verbraucher sind zwischen 40 und 50 Millionen Abnehmer digital anzubinden. Mit der vorhandenen Koppelung der nationalen Stromnetze in Europa und den unzweifelhaften Vorteilen gemeinsamer Strukturen wächst der Umfang dieser Aufgabe entsprechend, bietet aber auch die Chance, durch gemeinsames Handeln auf europäischer Ebene Vorteile für Arbeit, Wachstum und Umwelt zu erzielen. Hier sind auch die nationalen wie europäischen Politiken gefordert, Rechtssicherheit und Innovationen fördernde Regeln zu setzen, um den Umgang mit Daten zu gestalten.

Für die reine Stromerzeugung zeichnen sich u.a. folgende vier Handlungsfelder mit Blick auf Digitalisierung und Industrie 4.0 ab:

  • Integration aller Erzeugungsarten zu einer gesicherten, umweltschonenden und preisgünstigen dynamischen Struktur
  • Integriertes Engineering bei Planung, Bau, Betrieb und Instandhaltung der Anlagen
  • Echtzeitmanagement der Erzeugungsassets
  • Integration in das Managmentsystem des Betreibers

Diese Themenfelder sind von daher auch mit Blick auf die Leistungen des Verbandes VGB PowerTech für seine Mitglieder von zentraler Bedeutung für den Verband.

Eine wichtige Komponente für Digitalisierung und Industrie 4.0 liefert VGB PowerTech schon seit mehr als vier Jahrzehnten mit seinen Anlagenkennzeichnungssysteme Kraftwerk-Kennzeichensystem (KKS) und dem neu entwickelten Reference Designation System for Power Plants (RDS-PP®). Erst KKS und RDS-PP® ermöglichen es, Kraftwerksanlagen sinnvoll digital abzubilden.

Das Kraftwerk-Kennzeichensystem liefert ein Schema zur Kennzeichnung von Anlagen, Systemen, Teilsystemen, Geräten, Elektro- und Leittechnischen Schränken und Gebäuden und Räumen von Stromerzeugungsanlagen. Die Anwendung des KKS als Kennzeichensystem ist durch die Richtlinien des VGB PowerTech e.V geregelt und vorgeschrieben. Dies gewährleistet eine eindeutige Kennzeichnung und damit ein gemeinsames Verständnis für alle Beteiligten.

Die Kennzeichnung nach dem KKS besteht aus einer Buchstaben- und Ziffern-Kombination. Dabei werden die Buchstaben in der Regel zur Klassifizierung der Systeme und Aggregate verwendet. Die Ziffern dienen in der Regel der Zählung.

Das RDS-PP® ist die konsequente Weiterentwicklung des bewährten Kraftwerk-Kennzeichen Systems KKS. Es bietet gegenüber diesem eine Reihe von Neuerungen und Erweiterungen, die den heutigen Anforderungen an die Kennzeichnung von Kraftwerkskomponenten Rechung tragen. Gegenüber dem KKS wurde RDS-PP auch mit Blick auf neue Technologien in der Strom- und Wärmeerzeugung weiterentwickelt.

Das neue Kennzeichensystem basiert in Bezug auf die Strukturierungsprinzipien und die Kennzeichnungssystematik auf internationalen Normen, insbesondere DIN ISO/TS 81346-10, DIN ISO/TS 81346-3. An der Entwicklung des RDS-PP bzw. der zugrunde liegenden nationalen und internationalen Normen hat der VGB-Arbeitskreis „Anlagenkennzeichnung und Dokumentation“ maßgeblichen Anteil.

Die Internationalität des RDS-PP sowie dessen durchgängige Strukturierung helfen, Fehler und Missverständnisse bei der Kennzeichnung zu vermeiden, wodurch die Anlagensicherheit erhöht wird und Potentiale für einen effizienteren Betrieb erschlossen werden. Wie schon das KKS, ist auch das RDS-PP ein gemeinsamer Standard für Betreiber und Hersteller von Kraftwerksanlagen. Die nunmehr weltweite Anerkennung eröffnet weitere Potenziale für langfristige Kostensenkungen bei Planung, Bau und Betrieb von Kraftwerksanlagen.

Die Digitalisierung in der Stromerzeugung hat schon begonnen. Sie auf Grundlage gemeinsamer Standards weiter auszubauen, wird neue Potenziale erschließen und bei bestehenden und neuen Anlagen sowie in der Erzeugung insgesamt Effizienz und Wirtschaftlichkeit erhöhen.