Editorial - VGB PowerTech Journal 12/2014

Veränderung als Chance verstehen

Das Geschäftsmodell der konventionellen Energieerzeuger hat sich mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien drastisch verändert. Die neuen Rahmenbedingungen haben zwangsläufig Auswirkungen auf die technische Auslegung und die Betriebsweise der konventionellen Kraftwerke. Den damit verbundenen Herausforderungen der Energiewende stellen sich die Kraftwerksbetreiber, um auch in Zukunft die Anlagen energie- und kosteneffizient betreiben zu können. Die Veränderungen in der Energiebranche haben vor allem enorme ökonomische Auswirkungen. Unabhängig von den (umwelt-)politischen Beweggründen und den damit verbundenenÄnderungen im System halten die Kraftwerksbetreiber den folgenden Anspruch aufrecht: „Technical leadership to overcome economic challenges“. So diskutierten die Teilnehmer des VGB-Kongresses Kraftwerke 2014 intensiv, welche Möglichkeiten zur Verfügung stehen, die Energiewende mit technischen und technologischen Neuerungen weiter aktiv zu unterstützen.

Wesentliche Potentiale werden unter anderem in den Flexibilitätsoptionen im elektrischen Energiesystem gesehen. Zu den technischen Innovationen gehört es beispielsweise, die Flexibilität des Kraftwerksparks zu erhöhen. Die Flexibilisierung der Braunkohlekraftwerke als Beitrag zur Energiewende ist zwischenzeitlich eines der wichtigsten unternehmensstrategischen Ziele der Vattenfall Europe Generation AG. Die Umsetzung erfolgt, in dem die Anlagen technisch nachgerüstet werden, um dann mit einer optimierten Betriebsweise künftig noch flexibler und effizienter betrieben zu werden – das spart Ressourcen und reduziert Emissionen und sichert trotzdem die erforderliche Versorgungssicherheit. So kann mit der Nutzung der innovativen Trockenbraunkohle-Technologie die Mindestlast der Anlagen von rund 35 % auf 20 % abgesenkt werden. Das heißt, dass die Kraftwerke in wind- und sonnenstarken Zeiten über längere Zeiträume auf sehr niedrigem Niveau fahren können und bei Bedarf trotzdem wieder schnell am Netz verfügbar sind. Ein neuartiges Feuerungssystem mit Trockenbraunkohle befindet sich derzeit an einem Dampferzeuger im Kraftwerk Jänschwalde im Testbetrieb.

Der nächste Schritt wäre dann die großtechnische Umsetzung bei den entsprechenden Anlagen. Die Kraftwerksbetreiber müssen sich aber auf die Vorgaben der Politik verlassen können. Dies war in der Vergangenheit, wie beim Thema Carbon Capture & Storage (CCS) oder bei der Kernenergie, nicht der Fall. Trotz allem haben die EVUs immer wieder ihr Geschäftsmodell den neuen Gegebenheiten angepasst. Sie haben bewiesen, dass sie entschlossen sind, ihren Beitrag im Sinne des Technical Leadership zu leisten. Um jedoch nachhaltig und wirksam handeln zu können, müssen die Rahmenbedingungen, die durch die Politik gesetzt werden, langfristig angelegt sein.

Wirtschaftlich betrachtet haben sich die Bedingungen für die konventionellen Kraftwerksbetreiber grundsätzlich mit der Energiewende geändert. So wurden bereits sehr früh im Bereich der Erneuerbaren Energien die Marktmechanismen und die Funktionen des Preises praktisch aufgehoben. Dies führte zum Beispiel zu der uns allen bekannten absurden Situation, dass mit dem zunehmenden Anteil der Erneuerbaren Energien am Strommarkt gleichzeitig auch die Kosten stiegen – die letztendlich wieder der Verbraucher zu tragen hat. Die Betreiber von konventionellen Kraftwerken stehen dagegen nach wie vor im Wettbewerb in einem schrumpfenden Markt. Bei einer Kraftwerkslebensdauer von ca. 40 Jahren müssen auch die Investitionen für die Erweiterung der Flexibilität wirtschaftlich sein.

Wir alle dürfen nicht außer Acht lassen, dass der Wohlstand eines Landes u.a. auf einem investitionsfreundlichen Klima beruht. Das betrifft nicht nur die Energiebranche, sondern hat auch Auswirkungen auf die (energieintensiven) Industrien des Landes. Ein Carbon Leakage-Prozess darf nicht auf einer einseitigen Fokussierung auf das Ziel Umweltverträglichkeit beruhen. Die Energiewende ist auch zu schaffen, ohne dabei den Markt komplett außer Kraft setzen zu müssen. Die Politik hat die Chance ihren Ende der 1990er Jahre eingeschlagenen Weg der Liberalisierung, und damit dem Wunsch nach effizienten Lösungen für die Volkswirtschaft, konsequent weiterzugehen. Hierzu gehört es zum einen weiterhin auf marktbasierte europäische Lösungen wie dem „Europäischen Emissionshandelssystem“ zu setzen, zum anderen Marktmechanismen im Bereich der Erneuerbaren Energien einzuführen und weiterhin dafür zu sorgen, dass im „Energy Only Market“ Rahmenbedingungen vorliegen, die technologieoffene Lösungen ermöglichen.

Ich bin mir sicher, die Energiewende wird gelingen, wenn Markt, Klimaschutz und Versorgungssicherheit in ausgewogenem Verhältnis auf Basis von realistischen Einschätzungen und Vorgaben, gleichermaßen beachtet werden. Die Erneuerbaren und die Konventionellen werden im Energiemix der Zukunft ihren Platz haben. Technische Herausforderungen haben beide zu meistern, und ich bin überzeugt, dass an den entsprechenden Lösungen gearbeitet wird.

Bleiben wir dran! Auf ein erfolgreiches Jahr 2015.