Editorial - VGB PowerTech Journal 12/2016

Die Zukunft der E-Wirtschaft – ein Blick auf den Globus

Die Erneuerbaren sind nicht aufzuhalten …
und der Wasserkraft kommt eine Tragende Rolle zu

Die E-Wirtschaft in Europa hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. Liberalisierung, Unbundling, Binnenmarkt, Atomausstieg, wachsende Erneuerbare, Dekarbonisierung. Das sind nur einige der Schlagworte eines herausfordernden Geschäftsumfeldes. Hierbei stellt sich die Frage, ob dies ausschließlich ein Spezifikum in Europa ist, oder ob diese Erscheinungen auch in anderen Weltregionen zutreffen oder eine Art Vorschau auf künftige Veränderungen jenseits Europas darstellen. Ist Europa anders? Zu den bedeutendsten globalen Megatrends zählen Urbanisierung, Verschiebung der Wirtschaftskraft, demografischer Wandel, Klimawandel, Ressourcenverknappung und technischer Fortschritt. Prognosen, wonach die Weltbevölkerung bis 2050 auf 10 Milliarden ansteigt, bedeuten, dass sich der derzeitige Energieverbrauch verdoppelt. Dies stellt eine enorme Herausforderung für Politik, Wirtschaft und Forschung dar und erfordert schon heute vollste Aufmerksamkeit.

Städte nehmen heute etwa 0,5 % der Erdoberfläche ein, verbrauchen aber 75 % aller Ressourcen.

Im Jahr 2050 wird die Hälfte der Weltbevölkerung in städtischen Ballungsräumen leben und es gibt wahrscheinlich über 40 Großstädte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Metropolen wie New York, Sao Paulo, Kairo oder Peking müssen in den kommenden 10 Jahren Milliardenbeträge für Infrastruktur ausgeben. Urbane Technologien, die diese wachsenden Städte am Laufen halten, sind im Vormarsch. Ein Beispiel ist die Entstehung von „Smart Cities“, in denen die Einwohner intelligent mit ihrem städtischen Umfeld interagieren können. Trotz steigender Energieeffizienz wird der Energiebedarf solcher Megacities enorm hoch sein.

Klimawandel und Ressourcenknappheit

All das wird schon in naher Zukunft auf die Grenzen konventioneller Energien zusteuern. Basierend auf heutigen Verbrauchsdaten erscheint schon in wenigen Jahren die Nutzung fossiler Brennstoffe nicht mehr wirtschaftlich. Dennoch wird man die vorhandenen fossilen Reserven weiter nutzen, was zu einer zusätzlichen Erhöhung der CO2-Emissionen und damit zur Klimaerwärmung führt. Das erklärte Ziel von COP21, Ende 2015 in Paris, die Erderwärmung auf unter 2 °C zu drücken, wird nur mit enormen Anstrengungen erreichbar sein. Integrierte Lösungen, die erneuerbare Energien optimal kombinieren, werden daher gefragter sein denn je.

Demografischer und gesellschaftlicher Wandel

Die regionalen Unterschiede im demographischen Wandel könnten größer nicht sein. In Zukunft wird die Mehrheit der Weltbevölkerung über 65 Jahre alt sein, vor allem in den Industrienationen. Die afrikanische Population hingegen wird sich bis 2050 wahrscheinlich verdoppeln, während jene in Europa schrumpft. Manche afrikanischen Länder könnten dann mehr Einwohner haben als die USA heute.

Technologischer Durchbruch

Die Macht des technologischen Fortschritts ist heute sicher unterschätzt, wird aber immer mehr zum umgestaltenden Einflussfaktor auf die Wirtschaft. Die Zeitspanne von Erfindung zu Massenanwendung wird immer kürzer. So brauchte etwa das Telefon 76 Jahre, um die Hälfte der Bevölkerung zu erreichen, das Smartphone jedoch nur ein Jahrzehnt. Heute ist die Wertschöpfung der internetbasierten Technologien enorm. Die Bedeutung von E-Commerce, mobilen Anwendungen und Interkonnektivität wird auch für die Energiebranche immer entscheidender, um im digitalen Zeitalter erfolgreich zu sein.

Die künftige Rolle der Wasserkraft

Wasserkraft ist die am längsten bewährte und best entwickelte Stromerzeugungstechnologie. Steigendes Bewusstsein für Klimaerwärmung und nachhaltige Stromerzeugung sowie soziale Verantwortung werden zu einer erhöhten Nachfrage nach Wasserkraft führen.

Derzeit kommen rund 16 % der weltweiten Stromerzeugung aus der Wasserkraft. Man geht davon aus, dass der enorm steigende Strombedarf künftig durch jene Energiekonzepte gedeckt wird, die die verschiedenen verfügbaren Ressourcen am besten kombinieren. Wasserkraft ist hier richtungsweisend, da sie nicht bei der reinen Erzeugung endet. Sie bietet ein breites Spektrum, einschließlich Energiespeicherung für Netzstabilität und Spitzenlastabdeckung. Sie ist nachhaltig, erneuerbar und flexibel. Andauernde Forschung und Entwicklung stellen sicher, dass die Wasserkraft die wichtigste erneuerbare Energiequelle bleibt. Ihr technisch machbares Potenzial beträgt unvorstellbare 16.000 TWh pro Jahr. Bisher werden nur etwa 25 % dieses Potenzials genutzt.

Der traditionelle Ansatz für den Betrieb von Wasserkraftanlagen muss jedoch neu überdacht werden. Die neuen Einsatzregime verlangen noch kürzere Reaktionszeiten, häufigere Lastwechsel und erweiterte Lastbereiche. Zu erwartende zukünftige Anforderungen sind etwa die Forderung nach Frequenzregelung durch Laufkraftwerke, Mini-Pumpspeicher zum Ausregeln kleiner Windparks, Meeresenergieanlagen kombiniert mit Offshore-Windparks, Kleinwasserkraft zum Ausgleich von Leistungsschwankungen aufgrund vorüberziehender Bewölkung über einer PV-Anlage, die sukzessive Modernisierung aller bestehenden Kraftwerke auf neue Normen und Netzwerk-Codes sowie deren Anbindung an die modernsten Automatisierungssysteme.

ANDRITZ HYDRO begreift diese veränderliche Welt als große Motivation, schon heute nach Lösungen von morgen zu suchen. Das immense Potenzial der Wasserkraft kann einen bedeutenden Beitrag zu einer neu gestalteten und nachhaltigen Energieversorgung leisten. Sie ist und bleibt nicht nur ein Teil, sondern das Herz der Erneuerbaren-Familie.

Autor

  • DI Peter Stettner
    Market Management
    Market Strategy
    ANDRITZ HYDRO GmbH
    Wien, Österreich