Editorial - VGB PowerTech Journal 1-2/2014

Versorgungssicherheit – von Herausforderungen zu Lösungen

Nachdem nun zehn Jahre des 21. Jahrhunderts vorüber sind, befinden sich die Energieversorger mitten in einem umfangreichen Veränderungsprozess. Die Versorgung wird CO2-ärmer sowie dezentraler, und intelligente Stromnetze (smart grids) eröffnen völlig neue Optionen. Gleichzeitig steht die konventionelle Erzeugung unter hohem Druck mit weniger positiven Zukunftsaussichten. Der Veränderungsprozess ist auch durch neue Dienstleistungen im Verbrauchersektor gekennzeichnet, wie z. B. Angebote zur Steigerung der Energieeffizienz, dezentrale Erzeugung und neue Produkte und Leistungen, die kurz vor der Markteinführung stehen.

Europa ist in diesem Veränderungsprozess in vielerlei Hinsicht ein Vorreiter, der viele wichtige Hinweise und Ratschläge zu Themen wie “best practise” aber auch zu überstrapazierter Subventionierung, Geschwindigkeit der Energiewende und den daraus resultierenden Herausforderungen und Problemen für Verbraucher und Industrie geben kann. Die EU hat damit zu kämpfen, wie die CO2-Minderungsziele und Versorgungssicherheit bei gleichzeitig akzeptablem Kostenniveau eingehalten werden können. Diese Probleme sind umso schwerwiegender seit der wirtschaftlichen Rezession, die im Jahre 2008 begonnen hat.

In diesem Kontext ist die Versorgungssicherheit in den Fokus der Diskussion gerückt. War der Aspekt der Versorgungssicherheit zunächst auf die europäische Abhängigkeit von Energieimporten – vor allem Gas – beschränkt, umfasst dieses Problem mittlerweile auch verstärkt die Netzstabilität. Und in der Tat stellt der starke Ausbau schwankender Erzeugungskapazitäten im Rahmen des vorhandenen zentral gesteuerten Versorgungssystems die Lastverteiler vor große Herausforderungen und hat damit das Thema der Versorgungssicherheit auf die Titelseiten der Medien und die Agenda von Vorständen und Politikern gebracht.

Die von EURELECTRIC durchgeführte Studie zum Thema Investitionen hat jedoch gezeigt, dass nominell ausreichende Erzeugungskapazitäten nicht nur eine Frage des tatsächlich vorhandenen Kraftwerksparks ist. Die nominellen Überkapazitäten innerhalb der EU berücksichtigen z. B. nicht, dass zahlreiche Gas- und sogar Wasserkraftwerke längst nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben sind und somit ihre wirtschaftliche Existenzberechtigung verlieren. Wenn bestehende Kraftwerke nicht profitabel sind, kann das den Parameter „ausreichende Erzeugungskapazitäten“ gefährden.

Gleichzeitig hat die von EURELECTRIC Ende 2013 durchgeführte Untersuchung „Power Statistics and Trends“ Licht in die zunehmend unterschiedliche Verteilung der Kapazitäten in Europa gebracht: Regionen wie z. B. Skandinavien haben Überkapazitäten im Gegensatz zu Ländern wie Großbritannien oder Süddeutschland, wo Versorgungslücken befürchtet werden.

Insgesamt muss Versorgungssicherheit als Summe aus externen Abhängigkeiten (Energieimporte), technischen Herausforderungen im Hinblick auf die Netzstabilität und die Wirtschaftlichkeit bestehender Anlagen definiert werden.

EURELECTRIC beschäftigt sich mit der gesamten Bandbreite dieser Themen, das gilt vor allem für die Versorgungssicherheit, die häufig in der Diskussion nicht ausreichend berücksichtigt wird.

2014 läuft für die EU die Frist zur Vollendung des EU-Binnenmarktes auf dem Energiesektor ab. Die Suche nach Lösungen für Anlagen, die derzeit nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben sind, erfordert nichts weniger als die Marktmechanismen ernst zu nehmen.

Energieversorgung ist die Grundlage wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung. Diese Versorgung ist jedoch mit Kosten verbunden, und hohe staatliche Subventionen, in welche Technik auch immer, führen zu Verwerfungen zulasten der Verbraucher und zu langfristiger Zerstörung von Industrien.

Derzeit befindet sich die europäische Energiewende in einer Krise. Die folgenden Punkte müssen beachtet werden, wenn die Veränderungen bei gleichzeitiger Versorgungssicherheit erfolgreich sein sollen:

  • Ein wettbewerbsorientierter Markt: Marktorientierung muss das Kernstück der Energiewende sein, dazu gehört die Reformierung der Subventionen vor 2020 und ein Auslaufen der Subventionen nach 2020;
  • Kosteneffiziente CO2-Minderung: Stärkung des europäischen CO2-Zertifikatehandels mit einem marktorientierten System als optimale Lösung zur Reduzierung der CO2-Emissionen;
  • “Resynchronisierung” der Stromnetze: die Netze müssen Zeit haben, sich an die radikalen Veränderungen anzupassen, dazu gehören Probleme mit Regelenergie und Phasenschiebern, Netzstabilität und -entwicklung. Schreitet dieser Prozess zu rasch voran, bedeutet dies mehr Kosten und verminderte Netzstabilität.

Vor allem aber muss der Fokus wieder auf Innovationen und Forschung gelegt werden, damit Europa und die europäische Stromindustrie für die Zukunft gerüstet sind.

Das wirtschaftliche Potenzial von Innovationen in der Energiebranche ist nicht zu unterschätzen: nach Berechnungen des von EURELECTRIC im letzten Jahr veröffentlichten „Innovation Action Plan“ entsprächen beschleunigte Innovationen und Geschäftsmodelle zu Steigerung der Energieeffizienz einem Wert von rund 70 Milliarden Euro für die europäische Wirtschaft. Zusätzliche Vorteile ergäben sich in den Bereichen Energiesicherheit, verringerte Netzkosten und höherer Verbrauchernutzen. Sollten die Innovationen im Gegenteil jedoch nur schleppend vorankommen, bedeutet dies scharfen Gegenwind für das europäische Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit.
Die europäischen Energieversorger sind bereit ihre Rolle zu übernehmen und steigern ihre Investitionen in Innovationen. Ein dynamischer Energiemarkt mit verlässlichen politischen Rahmenbedingungen ist erforderlich, um die Vorteile von Innovationen auszuschöpfen. Die EU hat bereits eine lange Wegstrecke hinter sich gebracht, zur Schaffung der politischen Bedingungen für Innovationen, jetzt müssen Marktbedingungen folgen, in denen Innovationen fluorieren und die Öffentlichkeit solche Projekte wirksam unterstützt.

Mit dem Beginn einer neuen Amtszeit des Europäischen Parlaments und der Europäischen Kommission in 2014 wird EURELECTRIC auch in diesem Jahr der Herausforderungen und Veränderungen seine Strategie weiter verfolgen. Dabei setzten wir mit Kontinuität weiterhin auf unsere bewährten Partner, wie auf den VGB PowerTech, um unseren Beitrag zu einer erfolgreichen Energiewende zu leisten und um aus Herausforderungen effektive Lösungen zu entwickeln.