Editorial - VGB PowerTech Journal 3/2015

Kraftwerkschemie bleibt ein Muss

Peter Høstgaard, der frühere DONG-Firmenchef, erklärte während einer Feier „… Elektriker wissen innerhalb von Millisekunden, dass etwas falsch läuft, Mechaniker finden Fehler innerhalb von Stunden und Tagen. Chemiker dagegen bemerken Fehler oftmals noch nicht einmal bis zu ihrer Pensionierung …“

Unsere Welt befindet sich im Wandel: Die Anzahl der in Wärmekraftwerken erzeugten MWh nimmt drastisch ab, die Strompreise unterliegen starken Schwankungen, rasche Lastwechsel sind eher die Regel als die Ausnahme und Anlagen werden häufig An- und Abgefahren ohne zu wissen, wie lange die Stillstände andauern. Wie überlebt die Branche in einer Situation, in der sich der wirtschaftliche Zeithorizont permanente verringert? Eine solche Situation passt natürlich nicht zur Kraftwerkschemie.

Werden wir überflüssig? Die Antwort auf diese Frage ist ein entschiedenes „Nein!“
Wärmekraftwerke werden auch noch in Zukunft gebraucht und sämtliche Bereiche der Kraftwerkschemie werden mehr denn je benötigt. Können die Werkstoffe Lastwechsel ohne größere Lebensdauereinbußen überstehen? Wie muss die Wasserchemie eingestellt werden, um häufiges An- und Abfahren zu tolerieren? Welche chemischen Erfordernisse ergeben sich daraus für die anderen Kraftwerkskomponenten (Turbine, Rauchgasreinigungsanlagen etc.) während Stillständen, von denen niemand weiß, wie lange sie andauern werden? Die Umweltauflagen werden permanent verschärft und damit die Anforderungen, die von den Rauchgasreinigungsanlagen zu erfüllen sind. Neue Emissionen werden identifiziert und müssen verringert werden. Zuverlässige chemische Analysen in einem relativ kleinen und speziellen Bereich der analytischen Chemie sind unverzichtbar. Darüber hinaus werden wir uns zukünftig sicherlich auch (mikro)biologischen Themen widmen müssen. Dazu kommen noch neue Brennstoffe, entweder grünere, erneuerbare Ersatzbrennstoffe oder kostengünstiger Brennstoffe, die ihrerseits Auswirkungen auf Dampferzeuger und Reststoffe haben – das alles ist Chemie!

Im Gegensatz zu diesen Anforderungen verlieren wir stetig und rasch an Know-how im Bereich der Kraftwerkschemie. In diesem Zusammenhang sind Programme zur Frühverrentung und Einstellungsstopps junger Chemiker zu erwähnen.
Bei den Herstellern ist die Situation ähnlich.
Bereits heute erleben wir besorgniserregende Ausfälle – hervorgerufen durch fehlendes chemisches Management – an alten und neuen Kraftwerksanlagen. Diese Ausfälle entstehen, weil entweder das chemische Know-how fehlte oder nicht nachgefragt wurde. Hier ist darauf hinzuweisen, dass Anfragen natürlich nur gestellt werden, wenn das Bewusstsein da ist, dass Hilfe und Unterstützung benötigt werden.

Unglücklicherweise gleichen die Einsparungen beim Einkauf nie die Kosten aus, die durch längere Ausfälle und vernünftige Risikoanalyse entstehen – ein Umstand, der häufig nicht ausreichend berücksichtigt wird.
Dazu ein Beispiel: In einer Meerwasserentsalzungsanlage sind doppelte Absperrventile in ausdrückliches Muss. Verunreinigungen der Behälter mit Salzsäure können nicht hingenommen werden. Somit muss dieses Risiko unabhängig von den verursachten Kosten ausgeschlossen werden.

Aber woher soll dies ein Auftraggeber ohne ausreichendes Know-how zur Chemie wissen, insbesondere auch dann, wenn ein Anbieter aus Kostengründen auf doppelte Ventile verzichtet, um seinen Preis zu drücken mit einer besseren Aussicht für die Auftragsvergabe?

Es muss an dieser Stelle erneut betont werden, dass Hilfe und Unterstützung nur erbeten werden, wenn den potentiellen Bedarfsträgern klar ist, dass derartige Hilfe überhaupt nötig ist.

Wie kann man diese Probleme lösen?
Information und Schulung auf allen Ebenen, vom Wartungspersonal bis hin zum Betriebspersonal und Management, sind verpflichtend, um unsere Anlagen sicher zu betreiben und ihren Wert zu erhalten.
Man kann nicht davon ausgehen, dass sich die Anzahl der Kraftwerkschemiker in absehbarer Zukunft erhöhen wird, aus diesem Grunde muss das grundsätzliche chemische Verständnis verbessert werden und parallel zur Pensionierung der alten Kraftwerkschemiker müssen junge Nachwuchskräfte ausgebildet werden.

Diese Aufgabe wird noch herausfordernder aufgrund der Tatsache, dass Chemie Neuland darstellt und/oder Nachwuchskräfte keinerlei Zugang zur Chemie haben. An dieser Strategie geht jedoch kein Weg vorbei.

Dies ist eine gemeinsame Aufgabe für alle Kraftwerkschemiker, unabhängig davon, ob sie bei einem Energieversorger, Hersteller, Versicherer oder in einem Labor beschäftigt sind.
Wir müssen unsere gemeinsamen Interessen und Ziele, unseren Enthusiasmus, unser Know-how und unserer Erfahrungen im Bereich der Kraftwerkschemie denen vermitteln, die dieses Wissen bei ihrer täglichen Arbeit benötigen sowie den Kraftwerkschemikern der Zukunft.

Wenn wir nicht erfolgreich sind, wird dies fatale Folgen haben: zerstörte Anlagen und Ausfälle, die niemand akzeptieren wird und für die dann die Stromindustrie verantwortlich gemacht werden wird.

Kraftwerkschemisches Wissen kann innerhalb von Minuten ver­loren gehen, es werden aber Jahre benötigt, um dieses Wissen wieder herzustellen – lassen Sie uns jede sich bietende Gelegenheit nutzen, um unser Wissen großzügig zu verbreiten.