Editorial - VGB PowerTech Journal 3/2018

Chemie im Kraftwerk - Entwicklung und Perspektiven

War früher wirklich alles besser? Wohl kaum, aber viele Dinge waren anders. Wie sah die Chemie im Kraftwerk früher aus, wie hat sie sich entwickelt und wie geht die Entwicklung weiter. Diese Betrachtung möchte ich gerne mit Ihnen gemeinsam anstellen und beginne mit einem Rückblick auf die frühen 1980er Jahre. Die wesentlichen Tätigkeiten waren die verfahrenstechnische Betreuung von Wasser und Abwasseraufbereitungsanlagen, die Überwachung und Bewertung von Wasser-Dampfkreisläufen, der Untersuchung und Bewertung von Einsatz und Schmierstoffen sowie die Bearbeitung von Aufgaben im Umweltschutz. Online Überwachung beschränkte sich in der Regel auf die Messung von Temperatur, ph-Wert und Leitfähigkeit. Die Messzyklen zur Überwachung des Wasser- Dampfkreislaufs lagen bei wöchentlich und die personelle Ausstattung der Chemieabteilung war, zumindest aus heutiger Sicht gesehen, recht gut. Die für die einzelnen Kraftwerke erforderliche Analytik wurde zu nahezu 100 % im eigenen Kraftwerkslabor aus-geführt. Zu den routinemäßig eingesetzten Analysegeräten gehörten Photometer und Atomabsorptionsspektrometrie (AAS), eine automatische Probenaufgabe gehörte nicht zum Standard. Die Dokumentation sowie Auswertung der Analysenergebnisse erfolgte noch analog. Von einer Labordatenverarbeitung und Datenauswertung am Rechner konnte man noch träumen.

Die Großfeuerungsanlagenverordnung trat 1983 in Kraft und war eine Folge der in den 1970er Jahren erstmals aufgetretenen großflächigen Waldschäden. Sie enthielt die ersten ambitionierten Grenzwerte für Rauchgasinhaltsstoffe und führte zu massiven Nachrüstungen von Rauchgasentschwefelungsanlagen in den Kohle gefeuerten Kraftwerken. Die REA-Chemie bot eine ganz besondere Herausforderung für die Kraftwerkschemiker, es kamen neue Analyseverfahren zur Anwendung und sowohl die personelle als auch die Laborausstattung wurde angepasst. So hielten u.a. Ionenchromatographie, Probensampler sowie elektronische Labordatenverarbeitung Einzug im Kraftwerkslabor.

Die Nachrüstung mit Maßnahmen zur NOx-Reduktion forderte insbesondere die Fachleute in den Steinkohlekraftwerken.

Die Liberalisierung des Strommarktes Ende der 1990er Jahre traf die Branche hart. Sparen war angesagt. Daran hat sich bis heute nichts Grundlegendes geändert. Im Bereich der Kraftwerkschemie standen als Mittel hierzu insbesondere Personalabbau sowie Optimierung bei den Analyseleistungen zur Verfügung. Diese Maßnahmen haben dazu geführt, dass in den letzten Jahren nur wenige junge Nachwuchschemiker eingestellt wurden und der Altersschnitt in einzelnen Chemieabteilungen mittlerweile größer 50 Jahre beträgt. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Die Herausforderungen im Bereich der Kraftwerkschemie sind nicht geringer geworden. Die Anforderungen im Umweltbereich steigen stetig. Aus dem LCP-BREF-Prozess werden sich verschärfte Anforderungen an die Rauchgasreinigung sowie die Behandlung der RAA-Abwässer ergeben. Der sich wandelnde Strommarkt führt immer mehr zu häufigen Lastwechseln sowie vermehrten An- und Abfahrten, was wiederum Anpassungen bei den Fahrweisen chemietechnischer Anlagen sowie geeignete Maßnahmen für die Konservierung erfordert.

Wurden die Kraftwerkschemiker bei der Bearbeitung ihrer Probleme bisher sehr gut von den Fachleuten der Herstellerfirmen unterstützt, so muss man diese Unterstützung für die Zukunft sicher mit einem Fragezeichen versehen. Die Hersteller ziehen sich nach und nach aus dem Kraftwerksgeschäft zurück.

Eine wesentliche Aufgabe für die Zukunft ist es, das bisher aufgebaute Know-how im Bereich der Kraftwerkschemie aktuell zu halten und den nachfolgenden Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen.

Der VGB bietet hier eine gute Plattform für den fachlichen Austausch, den Zugang zum Netzwerk der Kraftwerkschemiker, die Erarbeitung von Richtlinien sowie den Aufbau von Fachkenntnissen für Nachwuchskräfte. Ich möchte alle betroffenen Fachleute aus den Mitgliedsunternehmen ermutigen, sich auch in Zukunft im Rahmen der VGB-Arbeit zu engagieren, nur so kann eine erfolgreiche Arbeit fortgesetzt werden.