Editorial - VGB PowerTech Journal 5/2015

Langzeitstrategien ohne ideologische Barrieren

Das Seebeben nahe des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi vom 11. März 2011 entfachte nach den schweren Unfällen von 1979 in Three Mile Island und 1986 in Tschernobyl erneut die Diskussion, wie Reaktorunfälle, verbunden mit einer massiven Freisetzung von Radioaktivität, ausgeschlossen werden können. Derzeit sind in Fukushima Daiichi über 7.500 Personen täglich vor Ort und unter anderem damit beschäftigt, das Kraftwerksgelände sowie Gebiete im Umkreis der Anlage zu dekontaminieren, eine Wechselwirkung des kontaminierten Kühlwassers mit dem Grundwasser zu verhindern sowie mittel- und langfristige Rückbau- und Entsorgungsstrategien insbesondere für die havarierten Reaktorblöcke zu konzipieren.

In Deutschland hat das Pro- und Contra-Verhalten zur friedlichen Kernenergienutzung in den vergangenen dreißig Jahren zu einer geistigen Vergiftung in der Gesellschaft geführt. Weshalb spätestens nach den Folgen der Reaktorkatastrophe von 1986 in Tschernobyl die massive Forderung nach einer kerntechnischen Entwicklung mit deutlich höheren Sicherheitszielen für den gesamten Brennstoffkreislauf ausblieb, bleibt offen.

In einem sich rasch entwickelnden europäischen Energiemarkt steht Deutschland vor der großen Herausforderung der selbst formulierten und isoliert beschlossenen Energiewende, welche u. a. das Ziel einer nennenswerten Reduktion von CO2-Emissionen sowie ein Verbot der Kernenergienutzung nach 2022 verfolgt. Dieses Verbot inkludiert die Weiterentwicklung von inhärenten kerntechnischen Systemen und kann als eine Verengung der Freiheit verstanden werden, die im Widerspruch zu der sich selbstorganisierenden Weltordnung hin zu einer neuen menschlichen Gesellschaft steht, die gerade das Recht auf Erkenntnis gegenüber ideologisch geistigen Verarmungen einfordert.

Die Realisierung der Energiewende wird die Steigerung der Effizienz bei der Energienutzung erfordern. Die Steigerung der Wirkungsgrade und Erntefaktoren sowohl für Verbraucher- als auch für Erzeugersysteme muss dabei Vorrang haben. Ebenso wird es darum gehen, das Verbraucherverhalten an das vagabundierende Erzeugerverhalten der erneuerbaren Energien anzupassen. Die deutsche Energiewende stellt somit eine Zäsur hin zu einem tatsächlich neuen Verständnis in der Energieversorgung dar. Der technologische Weg in die Energiezukunft sollte sich nicht ausschließlich an kurzfristigen Versorgungsstrategien orientieren, da diese Moden, Ideologien oder politischen Interessen unterworfen sein können. Es sind vor allem Langzeitperspektiven in die Betrachtung einzubeziehen, welche von Faktoren wie technologische Entwicklung, regionale Synergien und Gesamtrisikooptimierung geprägt sind.

Die künftige industrielle Entwicklung wird sich aus dem Finden von neuen Effekten und Erfindungen ergeben, weshalb auf die Freiheit in der Forschung nicht verzichtet werden kann. Anderenfalls könnten mögliche Innovationen von vornherein ausgeblendet oder gar ausgelöscht werden. Wissenschaftler sollten nur Aussagen in Wissensbereichen tätigen, die sie selbst überblicken. In ähn­licher Form sind Forschungsergebnisse zu publizieren, welche vorzugsweise unabhängig von Auftraggebern erarbeitet und zudem experimentell bestätigt vorliegen. Eine neue Umweltbewegung, deren ehrliche und verlässliche Grundlagen von unabhängigen Forschern statt von Drittmitteljägern zu gewährleisten ist, muss zunehmend greifen. Der wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskurs bei fortschrittlichen Technologien muss belebt und gelebt werden. Im Hinblick auf deren Umsetzung sind diese zweifelsfrei mit gesellschaftlichen Zielen in Einklang zu bringen. Die Weiterentwicklung und Sicherung des menschlichen Lebens setzt die Weiterentwicklung der Technik voraus. Technikfeindlichkeit als Folge von möglichen Ängsten würde gerade diese Entwicklung behindern.

Die betroffenen Kernreaktoren in Fukushima Daiichi gehören zu den ältesten der in Japan betriebenen Kernkraftwerke. Die technisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Reaktorunfall in Fukushima hat gezeigt, dass die hier eingetretene Situation nicht á priori auf andere Kernreaktoren, wie zum Beispiel in Deutschland, übertragbar ist. Sowohl auf der Ebene der Notfallmaßnahmen als auch bei den vorgelagerten Sicherheitsebenen wurden bei der Auslegung von Kernreaktoren hierzulande Vorkehrungen getroffen, die Auswirkungen wie in Fukushima gar nicht erst entstehen lassen. Die Frage, welche Erkenntnisse und Erfahrungswerte beim japanischen Betreiber TEPCO sowie bei den japanischen Sicherheits- und Genehmigungsbehörden aus bisherigen Tsunamis vorliegen und wie zusätzliche Investitionen zur Ertüchtigung der Kernreaktoren in Fukushima zu einer Erhöhung der Anlagensicherheit respektive zu einer nennenswerten Reduktion des Ausfallrisikos hätte beitragen können, ist weiter zu ergründen. Es gilt, Lehren zu ziehen und eindeutige Handlungsempfehlungen für die Reaktorsicherheit abzuleiten, welche künftig weltweit Anwendung finden müssen.

Im Hinblick auf die Sicherheit bzw. auf die Beherrschung von zukünftigen Kernreaktoren sind Konzepte zu präferieren, die nach der Abschaltung der nuklearen Kettenreaktion und auch bei einem vollständigen Ausfall der Kernkühlung sich aufgrund ihrer physikalischen Auslegung selbsttätig, das heißt, ohne dass hierfür Fremdenergie benötigt wird, stabilisieren können. Die Nachzerfallswärmeabfuhr muss ausschließlich naturgesetzlich über Wärmestrahlung, -leitung und natürliche Konvektion erfolgen. Konzepte dieser Art sind weiterzuentwickeln und werden sicher künftig sowohl für den Strom- als auch für den Wärmemarkt von Bedeutung sein. Deutschland verfügt über umfangreiche Erfahrungen beim Betrieb kerntechnischer Anlagen. Im Hinblick auf 2023 und ungeachtet dessen, ob hierzulande ein neuer Kernreaktor errichtet wird oder in Deutschland Strom aus Kernkraftwerken benachbarter Staaten importiert wird, ist die Mitwirkung an diesen Projekten unabdingbar. Kernreaktoren mit passiven sowie mit selbsttätigen Sicherheitssystemen werden eine höhere öffentliche Akzeptanz erreichen.

Eine zukünftige Energiewirtschaft wird auf alle Energieträger zurückgreifen müssen. Sie weist heute schon internationalen Charakter auf und verfolgt u. a. das Ziel, eine signifikante Reduktion von CO2-Emissionen zu erreichen. Dabei sind zunehmend alternative Technologien sowie die dafür notwendige Infrastruktur zu entwickeln und zu implementieren. So, dass dabei Energiepreise entstehen, die wettbewerblich sind und eine volkswirtschaftliche Prosperität in den jeweiligen Staaten ermöglichen.

In Deutschland werden Kernreaktoren bis 2022 auf dem Stand von Wissenschaft und Technik betrieben; nach deren Nachbetriebsphase sind diese rückzubauen. Diese Arbeiten, die entsprechend qualifiziertes Personal vor Ort sowie bei Genehmigungs- und Gutachterorganisationen erfordern, werden voraussichtlich bis 2045 dauern. Nachbarstaaten Deutschlands wie Tschechien, Polen, die Niederlande und Frankreich setzen künftig weiterhin auf die Nutzung der Kernenergie, weshalb in einigen Staaten bereits vorhandene Kapazitäten erweitert oder neue Anlagen errichtet werden sollen. Wollen wir in Deutschland auch in Zukunft bei der Umsetzung von kerntechnischen Sicherheitsstandards diskutieren, ist der Erhalt von kerntechnischer Kompetenz, die Mitwirkung in internationalen Projekten und somit die Unterstützung seitens der Politik sicherzustellen. Stellvertretend können der Freistaat Sachsen und speziell die TU Dresden dabei künftig einen verantwortungsvollen Beitrag dazu leisten.