Editorial - VGB PowerTech Journal 5/2019

Nicht vielleicht doch „Kernenergie für die Zukunft“?

Einzige tatsächlich wirtschaftliche und verfügbare Option zur Lösung des Energieproblems (bis zur Einführung der Kernfusion ca. um 2050) ist die Kernspaltungsenergie, derzeit weltweit von 31 Ländern genutzt, bei fünf weiteren Newcomern in Bau und in vier weiteren in der konkreten Planung. Die Kernbrennstoffe Uran und Thorium sind weltweit für viele Jahrhunderte ausreichend vorhanden und für praktisch nichts anderes nutzbar, bei Nutzung in fortgeschrittenen Reaktoren für viele Tausend Jahre.

Die Rückstände – der endzulagernde „Atommüll“ ist minimal und wurde – im Gegensatz zum Kohlenstoff – von Anfang an vollständig zur gesicherten Entsorgung zurückgehalten. Das Gesamtvolumen aller hochaktiven Abfälle aus über 50 Jahren Kernenergienutzung in Deutschland ist nicht umfangreicher als zwei Turnhallen. Die Mär von „einer Millionen Jahre“ Biosphärenabschluss führt in die Irre, da jedes radioaktive Atom nur einmal zerfallen kann, je nach Isotop ist entweder die Aktivität hoch und die Halbwertszeit kurz oder die Aktivität gering und die Halbwertszeit lang. Hochaktiven langstrahlenden Atommüll gibt es nicht.

Die Radiotoxizität zumindest von Wiederaufarbeitungsrückständen entspricht durch natürlichen Zerfall dem von natürlichem Uranerz nach bereits rund zehntausend Jahren. Gleichwohl erfüllen praktisch alle bisher vorgeschlagenen Endlagerwirtsgesteine auch die Langfristforderung allein durch die Tatsache, dass sie nachweislich sehr viel älter sind (Salzstöcke z.B. 250 Millionen Jahre).

Gleichwohl ist das weltweit einzige Land, das heute einen echten Ausstieg betreibt, Deutschland. So hat z.B. Frankreich, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, kürzlich eine Laufzeitverlängerung um (zunächst) zehn Jahre beschlossen.

Das Schlüsselland in Bezug auf globale CO2-Emissionen, China (über 22 % der weltweiten CO2-Äquivalent-Emissionen, u.a. für den Export von Massenstahl), be-treibt inzwischen 48 Kernkraftwerksblöcke (Stromanteil ca. 5 %), hat 33 in Bau und rund 200 in der Planung bis 2035.

Einen unterstellten durchschnittlichen Kostenvorteil der Kernenergie gegenüber konventioneller Stromerzeugung von nur 4 €ct/kWh, so entspricht die vorzeitige Außerbetriebnahme der 17 ehemals vorhandenen deutschen Kernkraftwerksblöcke zu rund der Hälfte ihrer technisch möglichen Betriebszeit (bei ca. 30 Jahren) einem volkswirtschaftlichen Schaden von rund 200 Milliarden Euro, weit mehr als der Schaden durch die Zerstörung der sechs Blöcke von Fukushima in Japan 2011 durch den Tsunami (Aufräum,- Abriss,- und Entschädigungszahlungen).

Gleichwohl wird diese Option „Kernenergie“ in keiner öffentlichen Diskussion in Deutschland mehr erwähnt, obschon man sich doch eher eigentlich fragen sollte, ob diese Reaktion nicht vielleicht vorschnell und unnötig war.

Ursache für den Unfall in Fukushima war die bewusste Missachtung einer bekannten hohen Eintrittswahrscheinlichkeit für Überflutungen des Standorts (abgeschätzt zu einmal in dreihundert Jahren). Im Gegensatz zu z.B. deutschen Anlagen war Fukushima gegen Überflutungen topografisch und technisch nicht gesichert. Hätte die Anlage nur über wasserdichte Türen verfügt, wäre der Standort nicht einmal in die Abendnachrichten am 11. März 2011 gekommen. Europäische Kernkraftwerke sind dagegen regelmäßig gegen Hochwasser ausgelegt, die nur einmal in 10.000 Jahren unterstellt werden müssen, und dann nicht als plötzliche Überflutung, sondern mit über Tage langsam ansteigenden Pegeln, was gezielte Gegenmaßnahmen einfach macht.

Die berechtigte und entscheidende Frage nach Fukushima musste selbstverständlich sein: Sind andere Schadensszenarien denkbar, die zu ähnlich unzulässigen Konsequenzen führen könnten?

Diese Frage konnte nach dem in der Folge durchgeführten „RSK-Test“ (Reaktorsicherheitskommission) und dem parallelen, europaweit flächendeckend durchgeführten „EU-Stresstest“ (an dem sich sogar die Ukraine beteiligte) für alle europäischen Kernkraftwerke verneint werden. Insbesondere die deutschen Standorte taten sich hier mit besonderen zusätzlichen Sicherheitsreserven und einem hohen Ausrüstungsstand (bei dem fast keine sinnvollen weiteren Nachrüstungen mehr identifizierbar waren) hervor.

Bei all dem ist in Fukushima – wie auch die Weltgesundheitsorganisation abschließend festgestellt hat – niemand durch Radioaktivität zu Schaden gekommen.

Die Eintrittswahrscheinlichkeit für große Tsunamis an japanischen Küsten von einmal in dreißig bis dreihundert Jahren (alle insgesamt 15 japanischen Kernkraftwerksstandorte liegen an Küsten) ist zu vergleichen mit den in umfangreichen Sicherheitsforschungsprogrammen zuverlässig bestätigten Eintrittshäufigkeiten für gesundheitsgefährdende unfallbedingte nukleare Freisetzungen aus Europäischen Kernkraftwerken im Bereich von eins zu einer Million (Reaktorbetriebs-)Jahren.

Diese Verhältnisse sind beim Deutschen Ausstiegsbeschluss 2011 nicht berücksichtigt worden. In der ausschließlich von der damaligen Bundesregierung berufenen „Ethikkommission“ waren keine Kerntechniker oder Risikoanalysten vertreten.

Wäre es angesichts der heutigen Erkenntnisse zur Klimafrage, zu den Protesten der jungen Generation und im Sinne wahrer globaler Verantwortung nicht inzwischen angebracht, diese Entscheidung neu zu durchdenken?