Editorial - VGB PowerTech Journal 5/2020

Kernenergie: Das Jahr 2019

Die Entwicklung der Kernenergie ist weiterhin geprägt von einer geografisch deutlich verschobenen Tendenz ihres Ausbaus von ihren Ursprungsländern in den USA und Europa hin zu den neuen Akteuren in Asien. Allein China wird bis Mitte der 2020er Jahre innerhalb von zwei Jahrzehnten fast 60 Kernkraftwerksblöcke neu in Betrieb genommen haben – darunter auch neueste Typen aus Europa und den USA, so den EPR, der aktuell mit 1.750 MW Bruttoleistung leistungsstärkste Reaktor weltweit, den weiteren Generation III+-Reaktor AP1000 sowie Hochtemperaturen nach der deutschen Entwicklungslinie „Kugelhaufenreaktor“, und ein ähnlicher Ausbau ist in Indien und Südkorea geplant. In Japan, wo die in Betrieb befindlichen Reaktoren nach dem Erdbeben und Tsunami von 2011 und den dadurch ausgelösten Unfällen in den Anlagen von Fukushima stillgelegt wurden, werden aufgrund des drängenden Versorgungsbedarfs mit Strom Kernkraftwerke wieder in Betrieb genommen. Aktuell liefern 9 Blöcke wieder Strom. Hier wird aber auch weitere Sicherheitsvorsorge umgesetzt, vor allem was Einwirkungen von Außen durch Hochwasser/Überflutungen betrifft. Die Sicherheit gegenüber den Einwirkungen von Erdbeben war weitestgehend auch vor 2011 gegeben. Langfristig plant Japan weitere Wiederinbetriebnahmen sowie Neubauten. Um den Kurz- bzw. Mittelfristigen Strombedarf zu decken, sollen 22 Steinkohlekraftwerke in Japan hinzugebaut werden. Insgesamt sieht die Energieversorgungsstrategie des Landes vor, uneingeschränkt alle Energieträger zu berücksichtigen. Gleiches gilt auch für das zitierte China bzw. Indien. In China sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten rund 700.000 MW an Kohlekraftwerkskapazitäten neu in Betrieb genommen worden, aber auch 200.000 MW an Windkraftanlagen. Indien hat seit 2000 rund 150.000 MW an Kohlekraftwerken ans Netz geschaltet, seine Wasserkraftkapazität von 20.000 MW in 2000 auf rund 45.000 MW in 2019 mehr als verdoppelt und rund 75.000 MW an Windenergie hinzugebaut.

Mit 448 Kernkraftwerken waren Ende 2019 in 31 Ländern drei Blöcke weniger in Betrieb als ein Jahr zuvor. Mit 451 Kernkraftwerksblöcken waren in 2018 so viele Anlagen weltweit in Betrieb wie noch nie seit Inbetriebnahme des ersten rein kommerziellen Kernkraftwerks Calder-Hall 1 in Großbritannien im Jahr 1956.

Im Einzelnen sind vier Blöcke kritisch geworden und wurden erstmals mit dem Stromnetz synchronisiert: zwei Blöcke in China: Taishan 2 (EPR) und Yangjiang 6, ein Block in Südkorea: Shin-Kori 4 und ein Block in Russland: Novovoronezh 2-2. Sieben Kernkraftwerksblöcke stellten ihren Betrieb ein: In Deutschland nach 33 Jahren erfolgreichem Betrieb das Kernkraftwerk Philippsburg 2; in Japan der Block Genkai 2; in Russland die Pilotanlage für Strom- und Wärmeerzeugung in entlegenen Regionen, Bilibinsk 1, in der Schweiz das Kernkraftwerk Mühleberg; in Taiwan der Block Qinshan 2 und in den USA die zwei Blöcke Pilgrim 1 und Three Mile Island 1.

Bei den Stromerzeugungskapazitäten lag die Bruttoleistung der Kernenergie weltweit mit 425.569 MWe deutlich die Marke von 400.000 MWe und lag aufgrund der hohen Leistung der Neuanlagen sogar etwas höher als im Vorjahr mit 424.074 MWe.

Ein erneut gutes Ergebnis kann die Kernenergie auch bei der Stromerzeugung verzeichnen. Mit einer Nettoerzeugung von über 2.650 TWh lag diese rund 4,0 % höher als im Vorjahr mit 2.543 TWh. Aufgrund von seit 2011 weiterhin nicht in Betrieb befindlichen 29 Kernkraftwerke in Japan ist diese aber noch niedriger als vor dem Tsunami und Unfall in Fukushima.

Der Anteil an der gesamten weltweiten Stromproduktion lag weiterhin bei 11 %; der Anteil der Kernenergie an der gesamten weltweiten Energieversorgung bei rund 4,5 % – dies sind zwei sicherlich bemerkenswerte Zahlen: Die 419 derzeit aktiven Kernkraftwerke sind in der Lage, jeden zehnten Menschen weltweit mit Strom zu versorgen oder jeder zwanzigste Mensch weltweit deckt seinen Energiebedarf komplett mit Kernenergie. Regional und in den einzelnen Kernenergie nutzenden Ländern ist der Anteil der Kernenergie an der Stromerzeugung mit einer Spannbreite von inzwischen 6 % in China – eine Verdoppelung innerhalb von 5 Jahren – bis fast 71 % in Frankreich unterschiedlich. 13 Staaten decken mehr als 30 % ihrer Stromerzeugung nuklear. Europa ist weiterhin mit 180 Reaktoren die bedeutendste Kernenergie nutzende Region. In ihr wird mit einem Anteil von rund 27 % rund jede vierte verbrauchte Kilowattstunde Strom in Kernkraftwerken erzeugt.

Bei den neu begonnenen Projekten sind für das Jahr 2019 fünf Vorhaben zu verzeichnen: In China wurden Bauarbeiten an den Blöcken Changjiang 3 und Changjiang 4 sowie Zhangzhou 1 aufgenommen. Der Iran führt das Projekt Busher 2-2 mit russischer Technologie weiter. In Russland entsteht am Standort Kursk der Block 2-2, ein Druckwasserreaktor modernster Baureihe, der die dort noch in Betrieb befindlichen Druckröhrenreaktoren ablösen wird. Damit waren weltweit 54 Kernkraftwerksblöcke mit 58.627 MWe Brutto- und 54.752 MWe Nettoleistung in Bau; aufgrund der Neuinbetriebnahmen einer weniger als ein Jahr zuvor. Darüber hinaus sind rund 125 Neubauprojekte zu verzeichnen, die sich im konkreten Planungsstadium befinden. Viele dieser Projekte werden zudem in Ländern geplant, die neu in die Kernenergie einsteigen wollen. Für weitere 100 Kernkraftwerksblöcke bestehen Vorplanungen.