Editorial - VGB PowerTech Journal 6/2014

Instandhaltung ‘auf der Kante‘?

Wo es in früheren Artikeln seit der Liberalisierung des Strommark­tes in den Überschriften hieß „Instandhaltung im Wandel“, „Zu­künftige Herausforderungen der Instandhaltung“ oder „Instand­haltungsstrategie auf dem aktuellen Energiemarkt“, habe ich die in der Tat etwas ‚provokative‘, aber aus meiner Sicht aktuell treffendeÜberschrift „Instandhaltung ‘auf der Kante?“ gewählt.

Die Energiewende in Deutschland hat durch den massiven Aus­bau der erneuerbaren Energien dramatische Auswirkungen auf die konventionellen Kraftwerke. Während durch den Ausstieg aus der Kernenergie die Braunkohle in die Position der Bereitstel­lung von Grundlast rückt, werden ältere Steinkohlekraftwerke, die traditionell in der Mittellast beschäftigt wurden, nunmehr als Spitzenlastkraftwerke eingesetzt. Nicht nur geringere Volllastbe­triebsstunden, sondern auch häufige An- und Abfahrten und steile Lastrampen sind neue Anforderungen an bestehende Kraftwerke.

Im Zwang zur Optimierung der Erzeugungskosten geraten auch zunehmend die Budgets für Betrieb und Instandhaltung unter Druck. Nicht selten stehen die Verantwortlichen im Betrieb vor einem ‚Spagat‘ zwischen Top-down-geplanten Unternehmensbud­gets und betrieblich differenzierten Bottom-up-Budgetierungen auf Anlagenebene. Dies allerdings vor dem Hintergrund, dass an oberster Stelle die Anlagen- und Betriebssicherheit sowie die Ein­haltung aller umwelt- und genehmigungsrechtlichen Auflagen ste­hen, was zwar selbstverständlich ist, aber ich persönlich trotzdem nochmals ausdrücklich betone.

Wie soll das funktionieren? – diese Frage drängt sich förmlich auf.

Anfangen möchte ich hier mit der Instandhaltung-Organisation: Inzwischen hat sich wohl bei den meisten Unternehmen die Auftei­lung in Instandhaltungs-Anlagenverantwortlichkeit (Maßnahmen- und Kostenverantwortung liegt beim Betrieb) und Instandhal­tungs-Durchführungsverantwortlichkeit (ausführende Instandhal­tung als Partner und Dienstleister) durchgesetzt. Größtmögliche Kostentransparenz und ‚eiserne‘ Kostendisziplin sind unerlässlich. Statt einer umfassenden Instandhaltung ‚um jeden Preis‘ gilt es, unnötige Sanierungs- und Austauschmaßnahmen zu vermeiden. Einige Aggregate werden deutlich länger gefahren, auch wenn da­mit ein Verzehr an Lebensdauer verbunden ist. Nur Maßnahmen, die die Sicherheit und Verfügbarkeit tatsächlich erhöhen oder zu­mindest wahren, werden ausgeführt. Intelligenz, Kreativität und ein gewachsenes Know-how in der Kraftwerkstechnik sind beim Einsatz der eingeschränkten Budgets gefragt, und es gilt stets die Devise: „Bereitgestellt ist nicht ausgegeben.“

Außerplanmäßig hinzukommende und damit nicht geplante In­standhaltungsmaßnahmen sind mit dem zugeteilten Jahresbudget nach Möglichkeit zu kompensieren.

Diese veränderte Ausgangssituation erfordert von allen Beteiligten ein Höchstmaß an Disziplin und konstruktiver Zusammenarbeit. Eine Grundvoraussetzung ist hier auch, dass alle Mitarbeiter des Betriebes – und nicht nur die Betriebsleitungen – sich flexibel auf diese neue Situation in der Instandhaltung einlassen und die neu­en Herausforderungen annehmen.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass inzwischen immer mehr Leitstandsfahrer, Rundengänger und Instandhalter die Begriffe wie ‚Clean Dark Spread‘ oder ‚Merit Order‘ nicht nur verstanden, sondern auch verinnerlicht haben und deshalb aktiv und aus Über­zeugung ‚am gemeinsamen Ziel‘ mitarbeiten.

Die Anlagen- und Budgetverantwortlichen müssen gemeinsam mit der Betriebsmannschaft, den eigenen Instandhaltern, den Fremd-Instandhaltern und Lieferanten an kostengünstigen techni­schen Lösungen arbeiten und dabei auch die Restlebensdauer der Anlagen ausschöpfen.

Daher gewinnen in der Instandhaltung zunehmend Prüfungen in der Anlage und Berechnungen an Bedeutung, damit die Sicherheit der Anlagen stets gewährleistet ist.

Gerade bei einer Vielzahl von „Altanlagen“ (>20 bis 30 Betriebsjah­re und älter) ist nicht davon auszugehen, dass die Komponenten, die bisher ‚unauffällig und störungsarm‘ gelaufen sind, auch zu­künftig längere Zeit störungs­frei betrieben werden können; u.a. müssen verschleißbeding­te Mängel möglichst frühzeitig antizipiert werden. Erschwe­rend kommt gerade bei den fossil betriebenen Energieer­zeugungsanlagen hinzu, dass die zunehmende Flexibilisie­rung der Anlagenfahr weisen zusätzliche Beanspruchungen verursachen, wo teilweise noch wenige Betr iebserfahrungen vorliegen. Schwachlastbetrieb, schnelle Laständer ungsgra­dienten und Einsatz von Stein­kohlen in einem extrem breiten Kohleband sind zusätzliche Herausforderungen, die hier zu berücksichtigen sind.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, den ich erwähnen möchte, ist die Qualifizierung sowie der Qualifikationserhalt unserer eigenen Mit­arbeiter und das Know-how unserer Lieferanten und Dienstleister. Trotz des zunehmenden Verlusts von vielen älteren Erfahrungsträ­gern und tendenziell geringerer Personalstärken muss ein Schwerpunkt auf die Ausbildung und Qualifizierung der Mitarbeiter gelegt werden, denn sie sind letztendlich die Garanten für den Erfolg.

Auf diese Herausforderungen hat STEAG konzernweit reagiert: Eine wesentliche Optimierungsmaßnahme betrifft die Bündelung des gesamten Instandhaltungspersonals in einer neuen Gesell­schaft, der „STEAG Technischer Service GmbH“. STEAG hatte in der Vergangenheit eine feste Anzahl an Instandhaltungspersonal an jedem Standort vorgehalten. Eine mittlerweile unvorherseh­bare Einsatzzeit der jeweiligen Kraftwerke lässt eine feste Anzahl von Instandhaltern an den Standorten wirtschaftlich nicht mehr zu. Vielmehr kommt es auf Flexibilität in Einsatzzeit und -ort an. Vor dem Hintergrund, den Mitarbeitern eine Zukunftsperspekti­ve und einen sicheren Arbeitsplatz zu bieten, vermarktet STEAG nun Instandhaltungsdienstleistungen an Dritte. Die Gesellschaft, STEAG Technischer Ser vice GmbH, ist seit Anfang September 2013 operativ, sie hat etwa 600 Mitarbeiter und kann umfangrei­che Instandhaltungsdienstleistungen rund um die Energie- und Elektrotechnik anbieten.

Die Kraftwerksstandorte müssen sich darauf einstellen, dass die Instandhaltungsmitarbeiter nun nicht mehr fest jedem Standort zugeordnet sind, sondern fluktuieren.

Fazit: „Jammern hilft nicht – und wer nicht kämpft, der hat schon verloren.“ Deshalb gilt es, die Herausforderungen der veränderten Marktbedingungen anzunehmen und sich mit jahrzehntelang er­worbenem Know-how, Intelligenz und Kreativität den hohen An­forderungen des aktuellen Energiemarktes zu stellen.

Mit dem weiter wachsenden Anstieg an regenerativen Erzeugungs­anlagen und dem beschlossenen Ausstieg aus der Kernenergie wird die wichtige Rolle der konventionellen Erzeugungsanlagen für die Versorgungssicherheit in den kommenden Jahren noch weiter of­fensichtlich werden.

Kontinuierliche Regelenergieeinsätze und zunehmende Re­dispatch-Aufrufe lassen vermuten, dass hierbei nicht nur die Politik, sondern auch die Physik noch ein „gutes Wörtchen“ mitreden wird.