Editorial - VGB PowerTech Journal 6/2020

The Show must go On-line

Seit dem Beginn der weltweiten Coronavirus-Pandemie erleben die meisten Unternehmen eine dramatische Veränderung ihres Geschäftsumfeldes. Während einige wenige wie Supermärkte, Online-Händler und Streaming-Dienste für Unterhaltungsmedien, aus der Krise erfolgreich hervorgehen, hat die Mehrheit bestenfalls eine Durststrecke und schlimmstenfalls einen echten Überlebenskampf erlebt.

Ein Sektor, der sich den dramatischen Herausforderungen eines derzeit kaum beneidenswerten Geschäftsmodells stellen muss, ist der Veranstaltungssektor, der an Planung, Organisation und Durchführung von großen Industriekonferenzen und Ausstellungen beteiligt ist. Trotz einer gewissen Lockerung von Beschränkungen für öffentliche Veranstaltungen in vielen europäischen Ländern ist es offen-sichtlich, dass diese Art von Messen, die oft viele Tausende von Teilnehmern aus der ganzen Welt angezogen hat, noch eine Weile nicht wie gewohnt und bewährt durchführbar sein wird.

Und selbst wenn die großen Veranstaltungsorte wieder geöffnet und Messen gebucht werden können, wird eine gewisse Skepsis bei einigen möglichen Besuchern zu Geschäftsreisen mit den zusätzlichen Kontaktsituationen auf Flughäfen, in Hotels und auf den Messen selbst vorherrschen. Wir können daher davon ausgehen, dass das Phänomen der „Zoom“-Meetings trotz einer berichteten wachsenden „Zoom-Müdigkeit“ noch einige Zeit bestehen bleiben wird.

Für den Energiesektor sind Konferenzen und Messen seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil des Jahreskalenders. Sie haben Innovation und Wissensaustausch gefördert und globale Marktplätze für Spitzentechnologien geschaffen. Industriemessen sind zudem seit der Einführung der Hannoveraner Exportmesse im Jahr 1947 ein besonderes Merkmal der deutschen Marketingpraxis.

Der VGB-Kongress war ebenso ein solcher jährlicher Fixpunkt, der die Energietechnik und -kompetenz in den Mittelpunkt stellte und in vielen bekannten Städten Europas stattfand, während Veranstaltungen wie die POWER-GEN Europe und die European Utility Week das Messekonzept repräsentierten, ebenfalls in verschiedenen europäischen Ländern und Städten.

Die großen internationalen Messen waren fruchtbar für die europäische Wirtschaft und finden nach wie vor große Unterstützung. „Messen sind unverzichtbar, weil sie die perfekte Plattform für das beste und leistungsfähigste Marketinginstrument der Welt bieten: Dialogmarketing – von Angesicht zu Angesicht“, kommentierte kürzlich Robert Sarcevic, Leiter Messen, Siemens Global Business Services.

Aber wie viele andere Unternehmen musste gerade die Veranstaltungsbranche umfassende Überlegungen anstellen, um weiterhin Leistungen für ihre Stakeholder anbieten zu können und die Verbindungen zu ihren Kunden lebendig zu halten. Da Veranstaltungen in 2020 um einige Monate verschoben oder ganz abgesagt wurden, ist ein Gefühl des Verlustes der Dynamik in der Branche zu spüren.

„Als wir unsere Zielgruppe über die Verschiebung auf 2021 informierten, sagten vielen, dass sie für 2020 eine gewisse Leere spüren würden“, sagte Paddy Young, Direktor von Enlit Europe, der Nachfolgeveranstaltung von POWER-GEN Europe und der European Utility Week.

Seit Beginn der Einschränkungen durch das Coronavirus spielt das Team von Enlit Europe eine Vorreiterrolle bei der Umstellung auf Online-Formate für die Kommunikation. Es hat einen anfangs noch in den Kinderschuhen steckenden Plan beschleunigt, um mit seiner Zielgruppe zukünftig kontinuierlich und nicht nur während der drei Tage des Live-Präsenz-Events zu kommunizieren.

Enlit Europe plant die Einführung einer speziellen digitalen Plattform, die allen an der Energiewende in Europa Beteiligten dienen soll und eine Vielzahl von Themen abdecken wird, um Fachinteressen übergreifend aufzunehmen und so eine stärkere Integration der Energiesysteme zu fördern. Die erste Piloten von Webinaren und Interviews wurden bereits umgesetzt und sind auf der Website von Enlit Europe verfügbar. Der On-Demand-Aspekt ist dabei ein Schlüsselelement der Plattform als eine wertvolle Ressource für die Branche.

Einige der behandelten Themen hätten Teil der Präsenz-Konferenz werden sollen, wurden jedoch sehr erfolgreich an ein Webi-nar-Format angepasst und haben schon viele Online-Teilnehmer begeistert – ermutigend für dieses Format.

Im Zuge der Entwicklung der Plattform wird Enlit KI-basierte Netzwerk- und Matchmaking-Funktionen, ein Online-Verzeichnis für Ausstellungen und Produkte, einen täglichen Nachrichten-Feed sowie die Zusammenarbeit mit führenden Partnern und Verbänden zur gemeinsamen Erstellung von Inhalten für den Sektor implementieren.

„Wir wollen unser Programm auf eine ganz andere Art und Weise anbieten, eine, die eine Story vom Anfang bis zum Ende erzählt“, erklärt Paddy Young. „In jeder Staffel wird es eine Auswahl an Themen geben, die Aspekte der Energiewende abdecken und aus Episoden bestehen, die die Story rund um die grüne Energiewende nach und nach vorantreiben.“

Der Erfolg der Formate für Online-Inhalte hat viele in der Veranstaltungsbranche davon überzeugt, dass hybride Online-/Präsenz-Veranstaltungen zukünftig den Maßstab setzen werden, bei denen eine physische Begegnung mit einer virtuellen Begegnung kombiniert werden, an der auch ein Online-Publikum teilnimmt. Ein offensichtlicher Reiz dieser Formate ist das weitaus breitere Publikum, das im Vergleich zu einer typischen „Nur-Live“(Präsenz)-Veranstaltung erreicht werden kann. Veranstaltungsorte werden bereits angepasst, um solche hybride Treffen zu ermöglichen.

Trotz der weiterhin schwierigen Rahmenbedingungen sind Verantwortliche in der Veranstaltungsbranche nach wie vor sehr optimistisch, was die Rückkehr zu Teilnehmer starken und attraktiven Messen betrifft. Die Fachverbände der Branche sind davon überzeugt, dass Ausstellungen das Potenzial haben, die Wirtschaft in allen Industriezweigen wieder anzukurbeln – wie weitläufig gefördert und gefordert.

In Deutschland haben einige Messen grünes Licht für ihre Durchführung erhalten; im Vereinigte Königreich ist aktuell noch kein Neustarttermin angekündigt. Der britische Veranstaltungssektor erwartet von der Regierung, die geplante Einführung zahlreicher Maßnahmen anzuerkennen, die weit über das hinausgehen, was andere Sektoren, denen der Neustart schon gestattet wurde, bereits eingeführt haben, und dringend einen „Starttermin“ festzulegen, um die Branche wieder zu beleben.

Natürlich ist es eine Sache, eine Messe zu organisieren, aber eine andere, die Besucher und Aussteller davon zu überzeugen, teilzunehmen. Der Energiesektor ist an Veranstaltungen gewöhnt, die Teilnehmer aus der ganzen Welt anziehen, aber es scheint wahrscheinlich, dass Handelsausstellungen und Konferenzen zumindest kurzfristig einen eher lokalen Charakter haben werden.

Die Messen mit Präsenz werden nicht verschwinden. Wir alle vermissen den Kontakt untereinander und die zusätzliche Produktivität, die mit persönlichen Treffen einhergeht. Aber bis es wieder so weit ist, können wir uns mit dem spannenden und abwechslungsreichen Programm an Online-Inhalten trösten, das von Tag zu Tag größer wird und uns auf dem Laufenden hält und uns und unsere Gemeinschaft verbindet.