Editorial - VGB PowerTech Journal 7/2014

Energie ist glokal

Faktisch ist die Energiewende bereits vollzogen.
Wirtschaftlich ist es noch ein langer Weg.

Die Energiewirtschaft ist zum Radikalumbau gezwungen – und Deutschland steht mit dem Ausstieg aus der Kernkraft noch immer ziemlich alleine da. Gleichzeitig ist der Zuwachs von erneuerbaren Energien so hoch, wie nie zuvor und übersteigt alle ökologischen Hoffnungen der letzten Jahre.

Der größte Strukturwandel in der Geschichte der Energiewirtschaft ist da – und wir sind mittendrin. „All power is glocal“. Global und lokal – nur so wird Energieerzeugung strategisch richtig gedacht.

Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit sind in der Praxis nur lokal auszubalancieren. Wir brauchen ein lokal bzw. regional spezifisches Energieerzeugungs-Konzept, das national sowie europäisch angebunden ist. Es gilt, die individuellen Bedürfnisse und Möglichkeiten der Regionen mit 100 % zu berücksichtigen.

Beispiel Berlin: Hier sind neben hochmodernen KWK-, Kohle- und Gaskraftwerken auch ältere Heizkraftwerke in Betrieb, für die weitere Modernisierungen geplant sind, um dem Versorgungsspektrum der Zukunft gerecht zu werden. Historisch bedingt sind es viele, eher mittlere und kleinere Anlagen direkt im Stadtgebiet. Das dazu vorherrschende Thema der Rahmenbedingungen und Entwicklung von Modernisierungsmöglichkeiten bzw. Ersatzanlagenbau steht derzeit auf jeder unternehmerischen und politischen Energie-Agenda – so auch bei der VGB-Fachtagung Dampferzeuger, Wirbelschichtfeuerungen, Industrie- und Heizkraftwerke 2014 am 26. und 27. März 2014 in Weimar.

Hier wurde erstmalig eine Fachtagung dreier Arbeitskreise zusammen durchgeführt. Neue, gemeinsame Gedanken sind entstanden, die durch die Mitglieder zu innovativen Themen geführt wurden. Als ein Beispiel dafür steht das Forschungsprojekt „NOVALIS“ mit seinen impulsgebenden schwingungstechnischen Praxislösungen, den optisch-akustischen Signalen an Kesselanlagen.

Kraftwerksgruppen in Großstädten sichern und steuern heute mit ihren technischen und personellen Möglichkeiten die Flächenversorgung mit Strom und Fernwärme. Dabei war die Kraftwärmekopplung der Königsweg für Nachhaltigkeit in der Vergangenheit und wird es auch noch lange sein. Dementsprechend würden beispielsweise Fernwärmespeicher einen innovativen Fokus für die Effizienzsteigerung bilden.

Lokal versorgungssicher und nachhaltig steuern bedeutet aber auch, Raum für Innovationen im Praxisbetrieb zuzulassen, um im Mix mit den erneuerbaren Energien flexibel und kostengünstig zu erzeugen.

Die Biomasse-Mitverbrennung mit Produkten der regionalen Forstwirtschaft, die nicht über die Meere transportiert wurden, ist eine der nachhaltigen Entwicklungen, die viel Fingerspitzengefühl benötigt. Auch auf der VGB-Fachtagung wurden hierzu Beiträge vorgestellt – u. a. zum Prozessdampf aus Biomasse in der Textilindustrie oder die Prognose zur Auswirkung der Holzmitverbrennung auf das Kesselverhalten im HKW Moabit sowie ein Beitrag zur Anpassung eines Biomasseheizkraftwerkes mit Wirbelschichtbefeuerung als KWK-Anlage. Auch der Brennstoffbeipackzettel aus Sicht eines Chemie-Experten ist hochinteressant. Ich könnte Hunderte weiterer Beispiele aufzählen, die das Handeln im Sinne der stetigen, hochsensiblen Balance von Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Wir tschaf tlichkeit zum Ziel haben. Wir lernen voneinander, jedoch können wir nicht jede Erfahrung 1:1 in anderen Regionen übernehmen. Die Anlagen, die jeweils spezifische Situation vor Ort, die Bedürfnisse und Verfügbarkeiten von Brennstoffen sind lokal unterschiedlich. Das wird auch so bleiben und ist Teil des Erfolges der sicheren, möglichst unabhängigen Versorgung. Nichts gibt uns größere Flexibilität in diesen stürmischen Energiewendezeiten als unsere lokale bzw. regionale Einzigartigkeit.

Bei rund 25 % Strom aus erneuerbaren Energien haben wir in Deutschland die Energiewende bereits faktisch vollzogen.

Erneuerbare und konventionelle Energien sind heute jedoch noch kein gutes Team – und sollten es doch zügig werden: Miteinander, nicht gegeneinander ist eine kluge Strategie. In der Wirtschaft kennt man das unter Coopetition, also die Verbindung von Kooperation und Wettbewerb. Wenn VW und Ford ein gemeinsames Fahrzeug entwickeln können, VW Sharan bzw. Ford Galaxy, zeigt das, wie weit ein Miteinander gehen kann. Bis jetzt jedoch schultern die konventionellen Anlagen maßgeblich die Transformation. Sie sichern nicht nur die Energieversorgung, sondern finanzieren auch den Wandel hin zu immer mehr erneuerbarer Energie und arbeiten gleichzeitig kontinuierlich an der Optimierung der eigenen Erzeugung zur Senkung der Umweltbelastung.

Ich wünsche mir mehr Respekt für das erstrebenswerte partnerschaftliche Zusammenspiel der klassischen Energieerzeugung mit den erneuerbaren Energietechniken, denn dieses Miteinander wird noch für Jahrzehnte notwendig sein. Ich wünsche uns, vor allem unseren Mitarbeitern, mehr Anerkennung für 365 Tage nonstop Energieerzeugung und -verteilung unter immer schwierigeren Bedingungen. Ich wünsche uns endlich eine politische Stimme, die die Komplexität der lokalen Energieversorgung im globalen Markt versteht.

Könnte diese Stimme beispielsweise aus der Automobilindustrie kommen? Hier wird schon seit Jahren hoch erfolgreich für Deutschland und beispielhaft für die Welt mit gewaltigen technologischen und strukturellen Umbrüchen gearbeitet. Neue Märkte werden erobert, neue Antriebskonzepte und neue Mobilitäts-Dienstleistungen entwickelt sowie neue Vernetzungsstrategien erdacht. Die Energie-Politik und die Energieerzeuger könnten davon lernen.