Editorial - VGB PowerTech Journal 7/2015

Instandhaltung im Wechselspiel zwischen liberalisiertem Strommarkt und Strukturwandel der Kohleverstromung

Die Energiewende fordert einen Strukturwandel, bei dem der gänz­liche Ausstieg aus der Kohleverstromung nicht nur ein Thema, sondern ein konkretes Ziel ist. Hierbei führt die Diskussion über mögliche Terminszenarien zu Verunsicherung. Sowohl bei den Mitarbeitern der Kraftwerksbetreiber als auch bei den Mitarbeitern der Fremdfirmen entwickeln sich Ängste zur Nachhaltigkeit der Beschäftigungssicherung, verstärkt durch die Diskussionen über die Zukunft der Kohleverstromung. Begrifflichkeiten wie „dreckige“ Kraftwerke oder „Klimakiller“, die unverblümt in Zeitungen und Fernsehen von Politikern und Journalisten gebetsmühlenartig wiederholt werden, stellen das Kollektiv der in der Kohleverstromung Beschäftigten, in ein gesellschaftliches Abseits und stempeln sie als Ursache für ein globales Problem ab. Die Instandhaltung ist von diesen Verunsicherungen besonders betroffen, weil sich aufgrund der Vielzahl der beschäftigten Firmen und der unterschiedlichen Gewerke zwischen dem Eigen- und Fremdpersonal permanente Veränderungsprozesse ergeben.

Chancen aus diesem Strukturwandel wirken auf politischer Ebene beruhigend, sind aber durch ihre theoretische Ausprägung oftmals nicht geeignet, den Betroffenen ihre Ängste zu nehmen. Zusätzlich zeigen diese Chancen Entwicklungspotentiale in anderen Gewerken und bilden somit keine konkreten Handlungsalternativen für die Mitarbeiter der Instandhaltung.

Der liberalisierte Strommarkt fordert heute für die konventionellen Kraftwerke eine flexibilisierte Instandhaltung bei gleichzeitig hohem Anspannungsgrad auf der Kostenseite. Die in der Instandhaltung tätigen Kollegen haben sich dabei den marktinduzierten Einsatzzeiten der Kraftwerke angepasst und zeigen ein hohes Maß an Veränderungsbereitschaft. Die Entwicklung zeigt einen weiter steigenden Ertragsdruck auf der konventionellen Stromerzeugung und somit weiteren Anpassungsbedarf auf der Kostenseite.

Die Instandhaltungskonzepte haben sich in den zurückliegenden Jahren dynamisch verändert. Die vorbeugenden und zustandsorientierten Instandhaltungsmethoden wurden zunehmend von ausfallorientierten und risikobasierten Instandhaltungsstrategien abgelöst. Kostensenkungsprogramme haben zu einer Konzen­tration der Mittel geführt, die einen Substanz erhaltenen Betrieb erschweren. Hierbei werden die dienstleistenden Firmen in die Restrukturierungsmaßnahmen mit einbezogen, was konkret zu Margen- und Umsatzeinbrüchen führt. Dabei sind speziell ortsansässige Firmen mit einem hohen Umsatzanteil bei einem einzelnen Kunden oftmals nicht in der Lage, diese Veränderungen auszugleichen. Seit vielen Jahren präsente Dienstleister stehen dann von jetzt auf gleich nur noch eingeschränkt oder nicht mehr zur Verfügung. Die Beschaffung neuer Dienstleistung gestaltet sich zunehmend schwieriger, weil Firmen nicht mehr bereit sind, in das System „Kohleverstromung“ zu investieren. Mitarbeiter kehren wegen der Unsicherheit ihres Arbeitsplatzes den Dienstleistern den Rücken und orientieren sich in andere Industriezweige um. Der Ausgleich wird erschwert, weil aufgrund des Image und der kritischen Diskussion gerade junge, gut ausgebildete Nachwuchskräfte, ihren beruflichen Einstieg in anderen Industriezweigen suchen. Auch bei Personaldienstleistern der Arbeitnehmerüberlassung wechseln vermehrt Kollegen, was in der Instandhaltung aufgrund der kurzen Reaktionszeit immer wieder zu Ausfällen und Kapazitätslücken führt.

Die Auswirkungen dieser Zustände auf die Instandhaltung und damit auf das konkrete Betriebsergebnis wird durch Kapazitäten der Anlagenbauer und deren Subunternehmer aus dem europaweit zum Erliegen gekommenen Neubaugeschäft für konventionelle Kraftwerke zum Teil kompensiert. Es ist zu erwarten, dass die in dieser Branche bereits angekündigten Personalreduzierungen diese freie Kapazität dynamisch abschmelzen werden und somit das Problem nur auf der Zeitachse verschieben.

Die Unternehmenslandschaften im Umfeld der konventionellen Kraftwerke werden sich durch den Strukturwandel tiefgründig ändern und heute noch präsente Dienstleister nicht mehr zur Verfügung stehen. Die Instandhaltung mit ihren Fremdfirmen müssen, unabhängig dieser sich ändernden Rahmenbedingungen, dabei einer langfristigen Stilllegungsstrategie folgen und bleiben gleichzeitig für einen sicheren und verantwortungsvollen Betrieb bis zur letzten Betriebsstunde eines Kraftwerkblockes erforderlich.

Die nachhaltige Aufrechterhaltung der Instandhaltungskapazi­täten erfordern neue Personalkonzepte und strategische Partner­schaften mit Fremdfirmen. Partner- und Fremdfirmenmanagement müssen deshalb bezüglich ihrer Weiterentwicklungspotentiale untersucht werden. Hierbei ist der Rückgang der Kohleverstromung ein umsatzreduzierender Fakt. Die Aufrechterhaltung des Bietermarktes bleibt zur Reduzierung des Aufwands wichtig. Dabei ist es notwendig, den Kolleginnen und Kollegen mit einer versachlichten Argumentation die Ängste vor den Veränderungsprozessen zu nehmen und mit einer offenen Chancen/Risiko-Diskussion den Strukturwandel anzugehen.