Editorial - VGB PowerTech Journal 7/2017

Flexible Kohlekraftwerke – deutsche Erfahrungen in China gefragt

China ist mit rund 1,4 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Erde und mit seiner weiterhin schnell wachsenden Wirtschaft heute zudem der weltweit größte Energieverbraucher und -produzent. Damit einher wächst der Einfluss Chinas auf den weltweiten Energiemärkten.

Der Aufbau einer versorgungssicheren, bezahlbaren und umweltfreundlichen Energieversorgung ist auch für die Politik Chinas ein klar definiertes strategisches Ziel, das das Land vor große Herausforderungen stellt. Bis zum Jahr 2040 wird sich der Energieverbrauch Chinas aufgrund von Wirtschaftswachstum und Bevölkerungsentwicklung nochmals verdoppeln und dann rund ein Viertel des weltweiten Energiebedarfs ausmachen – heute sind es schon rund 23 %. Als weltweit größter Energieverbraucher – vor allem in Bezug auf Rohöl und Kohle – wird damit der Einfluss Chinas auf alle zukünftigen Fragen der globalen Energieversorgung weiter zunehmen und auch mit bestimmend für die globalen CO2-Emissionen sein. Das Land ist aber auch in Bezug auf Geschwindigkeit und Umfang ein wichtiger Vorreiter beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Zudem besitzt China mit der voranschreitenden Urbanisierung eine Vorreiterrolle bei der Digitalisierung in der Energiewirtschaft und in weiteren Bereichen.

Die heutige Energieversorgungsstruktur Chinas basiert zu fast 63 % auf Kohle, 20 % auf flüssigen Brennstoffen – wesentlich Erdöl – 8 % Wasserkraft, 5 % Erdgas und etwa 2 % Erneuerbaren und 1 % Kernenergie. Bei der Stromerzeugung haben sich in den vergangenen Jahren sowohl der Anteil der Erneuerbaren als auch der der Kernenergie merklich erhöht: In 2016 wurden von den 1.646 MW Erzeugungskapazitäten in China rund 5.920 TWh Strom für die Verbraucher bereitgestellt. 66 % davon wurden in Kohlekraftwerken erzeugt, weitere 8 % in anderen thermischen Kraftwerken. Die Erneuerbaren erreichten einen Anteil von insgesamt 23 %, wobei die Wasserkraft allein einen 20 % Anteil hält. Die Kernenergie konnte mit dem laufenden Zubauprogramm ihren Anteil auf rund 3 % erhöhen. In Betrieb genommen wurden in 2016 in China neue Kapazitäten im Photovoltaikbereich in Höhe von 34 GW, bei der Windenergie in Höhe von 18 GW und bei der Kohle in Höhe von 48 GW.

Ambitioniert sind Chinas Ziele beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Die derzeitigen Planungen sehen beim Primärenergieverbrauch einen Anstieg von derzeit rund 13,5 % auf 20 % im Jahr 2020 vor. Mit der schon heute beachtlichen installierten Gesamtstromerzeugungsleistung von 1.646 MW ist der damit verbundene Kapazitätszuwachs gigantisch, vor allem, da der Zuwachs ganz wesentlich im Stromsektor erfolgen wird. Zunehmend gewinnt für die klassische Erzeugung auf Basis der fossilen Energieträger das Thema Flexibilisierung an Bedeutung. Diese ist auch ein wichtiges Thema der Chinesisch-Deutschen Energiepartnerschaft, um hier den Austausch zu deutschen Erfahrungen und Lösungsansätzen mit den Fachkollegen aus China zu fördern.

Aktuell fand in diesem Rahmen Anfang Juni 2017 der Workshop „Technical Solutions for the Flexibilisation of Coal-Fired Power Plants – Experiences from Germany“ in Peking als gemeinsame Veranstaltung des chinesischen Electric Power Planning & Engineering Institute (EPPEI) und der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH statt. Neben dem VGB PowerTech berichteten Vertreter deutscher Hersteller- und Betreiberunternehmen über ihre Erfahrungen mit dem flexiblen Kraftwerksbetrieb. Dabei vermittelten die Referenten die zentrale Botschaft, dass die Umsetzung von Flexibilisierungsmaßnahmen weniger eine technische als vielmehr eine kommerzielle Herausforderung sei. Stabile Rahmenbedingungen und ein Marktdesign, das Flexibilität honoriert, stellten elementare Voraussetzungen für eine nachhaltige Umgestaltung des Energiesystems dar.

Die Chinesisch-Deutschen Energiepartnerschaft besteht seit 2006. Sie wird im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH gemeinsam mit der Staatlichen Kommission für Entwicklung und Reform (NDRC) und der National Energy Administration(NEA) umgesetzt. Ziel dieser Energiepartnerschaft ist die Förderung des politischen Dialogs sowie die technische und politische Unterstützung unter Einbeziehung der Privatwirtschaft. Im Vorfeld des aktuellen Workshops fand der „Eighth Clean Energy Ministerial (CEM8)“ statt. CEM8 ist eine globale Plattform zur Förderung einer sauberen und nachhaltigen Energieversorgung, an der sich 24 Länder und die Europäische Kommission beteiligen. Ein Höhepunkt von CEM8 war der Startschuss für die „Advanced Power Plant Flexibility Campaign“, an der sich interessierte Unternehmen und Institutionen beteiligen können.