Editorial - VGB PowerTech Journal 8/2017

Energiewende als Ursache für die Aging Assets der Energiewirtschaft – die neuen Herausforderungen bei der Instandhaltung von Kraftwerken

Das Damoklesschwert der „Energiewende“ schwebt nachhaltig über Gegenwart und Zukunft. Durch den Investitionsstau für neue Anlagen droht dem Bestand thermischer Kraftwerke die Überalterung. Gleichzeitig stellt die Halbierung der Instandhaltungsmaßnahmen eine Bedrohung für die Versorgungssicherheit dar. In der Praxis bedeutet das: Kraftwerksbetreiber stellen Wartung und Instandhaltung zurück und fahren Anlagen auf Verschleiß. Das gefährdet die Energieversorgung in Deutschland und bedroht zugleich massiv Arbeitsplätze im Energiesektor wie auch im Anlagenbau.

Es ist zwingend erforderlich, dass umgehend stabile politische Rahmenbedingungen geschaffen werden, die einen weiterhin sicheren und zugleich wirtschaftlichen Betrieb der Kraftwerke sowie deren Anpassung an die künftigen Anforderungen ermöglichen. Denn die heute bestehende Anlagensubstanz konnte nur auf Basis einer jahrzehntelangen stabilen wirtschaftlichen Grundlage für Entwicklung und Betrieb thermischer Kraftwerke entstehen.

Gesellschaftspolitisch stimmen wir gerne alle zu, dass Sicherheit, Bezahlbarkeit und Umweltverträglichkeit gleichermaßen im Fokus unserer Bemühungen in Sachen Stromversorgung stehen müssen. Wettbewerbsfähige Strompreise und die Versorgungssicherheit sind jedoch ebenso ein wichtiger Faktor für die Standortsicherheit unserer hiesigen Unternehmen wie für die Kraftwerksbetreiber selbst. Die stark volatilen Strompreise stellen diesbezüglich eine Bedrohung dar, wenn sie durch einseitige Regularien und ein unsicheres Umfeld außer Kontrolle geraten. Für eine Vielzahl der Akteure in der Industrie ist die Energiewende so zur existenzbedrohenden Realität geworden.

Die Betreiber thermischer Kraftwerke müssen in die Lage versetzt werden, den benötigten Kraftwerkspark kostendeckend instand zu halten. Denn das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) fördert ausschließlich die Energieerzeugung mit Sonnen- und Windkraft, ohne die hierdurch entstehenden Probleme zu adressieren. Dies hat zur Folge, dass schwankende Liefermengen der Erneuerbaren Energien von den konventionellen Kraftwerken mit Kohle und Gas massiv ausgeglichen werden müssen. Deren Verschleiß ist hierdurch weitaus intensiver als im Regelbetrieb. Die Mehrkosten für nötige zusätzliche Wartung und Umbau auf flexible Fahrweise können ohne staatliche Unterstützung aber nicht aus den Einnahmen gedeckt werden – das macht den Kraftwerkspark zum Risikofaktor für die Versorgungssicherheit.

Instandhaltungsmanagement und wirtschaftlich-organisatorische Anpassungen sind gefragt

Dem aktuellen wirtschaftlichen Druck wird zum Teil mit Maßnahmen zur Kostenreduzierung begegnet, die die Substanz gefährden:

  • Nutzung von Reserven in der Auslegung der Kraftwerke,
  • Verzicht auf redundante Auslegungen der Anlagen,
  • Personalabbau,
  • Kostenreduktionen in der Instandhaltung.

Es werden nun aber neue „intelligente Instandhaltungskonzepte“ benötigt, obwohl tragfähige Strategien für eine vorsorgende Instandhaltung derzeit nicht umsetzbar sind. Gleichzeitig bleibt eine umfassende planmäßige Instandhaltung derzeit wirtschaftlich nicht darstellbar. Ein Substanzverlust ist absehbar.

Dem wirtschaftlichen Druck kann durch die Erhöhung der Instandhaltungsleistungen beim Anlagenbetreiber selbst begegnet werden, indem dieser auch als Anbieter von Industrieservices für externe Kunden auftritt. In der Energiewirtschaft ist entsprechend ein erhöhter Wettbewerb zu beobachten, mit einer vermehrten Vergabe von Instandhaltungsleistungen an Dienstleister zu Festpreisen.

Es ist auch möglich, dem zunehmenden Kostendruck auf Betreiber- und Anbieterseite entgegenzuwirken indem übergreifende Ersatzteilstrategien in verschiedenen Ausprägungen entwickelt werden, wie etwa zentrale standortübergreifende Ersatzteilstrategien, strategische Partnerschaften in der Beschaffung oder ein unternehmensübergreifendes Ersatzteilmanagement zur Bestandsreduzierung in Kraftwerken.

Stabiles Umfeld für tragfähige Instandhaltungskonzepte notwendig

Betreiber befinden sich aber derzeit in einer unsicheren Umbruchsituation; immer neue Forderungen der Politik entziehen den Betreibern die Grundlage für wirtschaftliches Handeln, bis hin zu einer vorsorgenden Instandhaltung.

Zunächst müssen stabile Rahmenbedingungen geschaffen werden, erst dann können tragfähige Instandhaltungsstrategien entwickelt werden. Versorgungssicherheit, d.h. das Vorhalten konventioneller Kraftwerkskapazitäten, muss künftig im Markt honoriert werden. Nur so, sind die notwendige Zuverlässigkeit der thermischen Kraftwerke und ihre weitere Anpassung an die künftigen Anforderungen möglich.

Die Entscheidung über „Kapazitätsmarkt“ vs. „Kapazitätsreserve“ im Rahmen des künftigen Strommarktdesigns hat unmittelbare Auswirkungen auf die künftige Instandhaltungsstrategien. Folgende Fragen stellen sich dabei konkret:

  • Welches Niveau an Instandhaltung wird wirtschaftlich darstellbar sein?
  • Welche Auswirkungen wird eine Verlängerung der Instandhaltungszyklen auf die Anlagenverfügbarkeit haben?
  • Wie lauten die Effizienzkriterien für Reservekapazitäten und werden diese entsprechend wirtschaftlich honoriert?

Das weitere Fehlen stabiler Rahmenbedingungen gefährdet unmittelbar ein System, das noch immer 70% des Stroms in Deutschland liefert.