Editorial - VGB PowerTech Journal 9/2020

World Energy Outlook 2020 der IEA und mehr ...
Neu Perspektiven, neue Herausforderungen und Elektrizität im Focus

Der diesjährige „World Energy Outlook“ (WEO) der Internationalen Energie-Agentur (IEA) widmet sich neben der ausführlichen Dokumentation von Struktur und Quantität des weltweiten Energieverbrauchs wiederum einem Ausblick auf die Optionen einer zukünftigen Entwicklung. Drei Szenarien zeigen dabei auf, wie die Welt im Jahr 2040 mit Energie versorgt werden könnte und welche Herausforderungen auf den jeweiligen Wegen damit verbunden sind. Der mit „Stated Policies Scenario“ bezeichnete Weg umfasst dabei Analyse und Synthese für alle Energieträger unter Berücksichtigung der aktuellen Politiken sowie technologischer Entwicklungen. Mit dem „Sustainable Development Scenario“ wird aufgezeigt, welche Veränderungen erforderlich sind, um die erklärten Ziele der Emissionsreduzierung zu erreichen mit Blick auf Klima, Luftqualität und Zugang zu Energie. Der „Net Zero Emissions by 2050 Case“ ist ein Szenario mit dem Ziel einer ausgeglichenen Bilanz klimarelevanter Emissionen im Jahr 2050, d.h. einem Netto-0-Szenario.

Aufgrund der aktuellen und auch absehbar weiter wirkenden Covid-19-Pandemie widmen sich die Autoren des WEO in einem eigenen Kapitel mit separater Analyse deren absehbaren Auswirkungen auf den Energiesektor und vor allem den Aussichten für die Transformation der Energieversorgung zu emissionsärmeren Energien. Laut Bericht ist es aktuell noch zu früh für eine Festlegung, ob die heutige Krise den Übergang zu einem nachhaltigeren Energiesystem eher bremst – z.B. da andere, grundlegende Herausforderungen eher und stärker Entscheidungen prägen – oder diese quasi als Katalysator das Tempo des Wandels beschleunigt. Als Horizont für diese Analyse ist der Zeitraum bis 2030 gewählt. Derzeit wird eingeschätzt, dass der weltweite Energieverbrauch im Jahr 2020 um 5 % sinkt, die energiebedingten CO2-Emissionen um 7 % und die Investitionen im Energiesektor um 18 %. Wesentlich trägt beim Nachfragerückgang der Transportsektor bei durch die erheblichen Einschränkungen beim Individualverkehr. Der weltweite Strombedarf geht vergleichsweise nur leicht um 2 % zurück mit einem hierbei verbundenen leicht höheren Anteil der erneuerbaren Energien. Je nach der weiteren Entwicklung der Pandemie, ihrer Dauer und ihrem Einfluss auf das Privat- und Wirtschaftsleben, wird die globale Energiefrage erst in den Jahren 2023 bis 2025 wieder das Niveau vor der Krise erreichen. Zudem befürchten die Autoren ein erneutes Ungleichgewicht bei den Folgen der Covid-19-Pandemie, d.h. Wachstum und vor allem eine Verbesserung der grundsätzlichen Lebenssituation könnten sich in den Schwellen- und Entwicklungsländern erneut – ähnlich wie im Zuge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2010 – verlangsamen.

Dennoch, mit den Rahmenbedingungen einer weiter wachsenden Weltbevölkerung und der mit Verfügbarkeit von Energie für jeden einzelnen verbundenen steigenden Lebensqualität, wird auch in der langfristigen Perspektive bis 2040 der Weltenergieverbrauch im „Stated Policies Scenario“ weiter wachsen. Für die zwei amibitionierteren Szenarien „Sustainable Development Scenario“ und „Net Zero Emissions by 2050 Case“ wird ein Rückgang um rund 8 % bzw. 25 % ausgewiesen. Allen drei Szenarien gemein ist die besondere Rolle der Elektrizität. Diese würdigt die IEA im separaten, nur wenige Wochen nach dem WEO publizierten Bericht „Power systems in transition. Challenges and opportunities ahead for electricity security“.

Elektrizität, so die IEA, ist ein integraler Bestandteil aller modernen Gesellschaften und unterstützt eine Reihe kritischer Bereiche, von der Gesundheitsversorgung über das Finanzwesen bis hin zum Transport. Zudem ist sie Grundlage der Digitalisierung und eine sichere Stromversorgung ist für unser digitales Leben 24/7 daher unerlässlich. Der Energiesektor durchläuft derzeit grundlegende Veränderungen: Dekarbonisierung mit schnellem Wachstum bei variablen erneuerbaren Quellen, Digitalisierung, mit neuen Herausforderungen in Bezug auf Cyberangriffe und die Klimaveränderungen. Dabei sollten die jüngsten Ereignisse in Folge der Covid-19-Pandemie erneut die entscheidende Bedeutung von Strom in allen Bereichen unseres Lebens verdeutlicht haben; wie beispielsweise bei der Ausweitung von Home-Office-Lösungen – auch wenn die sichere Stromversorgung weitgehend in allen Regionen und Bereichen nicht durch die Pandemie zusätzlich beeinträchtigt war und die Vorsorgemaßnahmen für Versorgungssicherheit Wirkung gezeigt haben.

Im Bericht werden die vielfältigen Veränderungen und ihre Herausforderungen aufgegriffen und vor allem die drei vorgenannten Schlüsselaspekte behandelt. Mit Blick auf die Zukunft wird Strom eine größere Rolle bei Heizung, Kühlung und im Verkehr sowie in vielen digital integrierten Sektoren spielen. So weisen alle Szenarien zur Energieverbrauchsentwicklung ein Wachstum der Stromnachfrage von rund 50 % verglichen mit heute aus. Dabei sind, so die IEA, nicht nur die Aspekte der Quantität, sondern auch robuste Maßnahmen für eine sichere und gesicherte 24/7 Versorgung erforderlich – Sicherheit bei der Stromversorgung gehört ganz oben auf die energiepolitische Agenda.

Der Strukturwandel wird im IEA-Bericht ausführlich erläutert. Die Fragen und Herausforderungen, die sich für die Energietechnologien in der Stromversorgung ergeben, werden skizziert und ebenso weiter eingeforderte dringend erforderliche Rahmenbedingungen, um bekannte sowie neue Technologien im Stromsystem der Zukunft zu etablieren.

Auf jeden Fall ist technische Expertise gefragt – ein Fall für VGB und alle im VGB Engagierten für unsere Energiezukunft!